„In Wahrheit verteidigt die Arbeiterkammer die Schwarzarbeit“

Sepp Schellhorn ist als Gastronom ebenso erfolgreich wie als Politiker konstruktiv-streitbar. Im Interview für Faktum anlässlich des Tourismus-Programms der neuen Regierung sagt er unter anderem, dass er das „jahrelange Bashing der Tourismus-Berufe“ schon satt hat.

Als Tourismusunternehmer und Oppositionspolitiker: Was taugt das Regierungsprogramm in Bezug auf Tourismus?

Es ist in erster Linie eine Reaktion auf das, wofür der vormalige Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner gescholten wurde, es wird versucht, dessen Fehler zu reparieren. Positiv ist, dass es mehrere Seiten umfasst. Das Tourismus-Programm der vormaligen Regierung war ja nur eine DIN A4-Seite lang.

Also doch überwiegend positiv?

Es ist keine große Leistung. Die Rücknahme der 30-Prozent-Umsatzsteuererhöhung auf Logis bringt den Unternehmern immerhin etwas zurück. Aber die großen Themen fehlen. Bei der Abschreibung etwa gibt es nur die Absicht, diese degressiv zu gestalten, wir brauchen aber eine funktionale Abschreibung.

Wie schätzen Sie Ministerin Elisabeth Köstinger ein?

Sie hat jetzt mit Landwirtschaft, Energie und Umwelt und Tourismus ein Riesenressort, da müsste sie eigentlich jede Woche mindestens einmal in Brüssel sein. Jetzt geht sie dazu noch bald in Karenz, das spiegelt wider, dass da mehr der Verkaufsschmäh im Vordergrund steht und nicht die Sache.

Woran mangelt es im Tourismus-Programm inhaltlich?

Immerhin ressortiert der Tourismus jetzt bei der Landwirtschaft, das war ja schon seit 2014 meine Forderung. Doch eine Strategie, wie etwa die Agrarmarkt Austria (AMA) oder die Österreich Werbung (ÖW) jetzt vorgehen sollen, ist nicht in Sicht, ein Tourismusleitbild, das die Landwirtschaft beinhaltet, ist nicht vorhanden. Diese beiden Themen gehören meiner Meinung nach untrennbar zusammen. Industriebetriebe können aus Österreich abziehen, aber der Tourismus ist untrennbar mit dem Land verbunden und verdient daher viel mehr Aufmerksamkeit. Schließlich profitiert ja immer auch die ansässige Bevölkerung von der Infrastruktur, die für den Tourismus geschaffen wird.

Wenn man die Nächtigungszahlen betrachtet, lief zuletzt aber offenbar nicht viel falsch?

Das hat mehr mit dem Boom des Städtetourismus und der geopolitischen Lage zu tun, als dass es Folge einer Strategie wäre, die über die bloße Bewerbung hinausgeht. Im Tourismus-Marketing herrscht hierzulande ein föderales System aus fünf bis sechs Ebenen, beginnend mit dem Betrieb selbst, der Gemeinde, über den örtlichen Tourismusverband, die Destinationen, die Landes-Tourismusorganisationen bis hin zur ÖW. Das ist mindestens eine Ebene zu viel.

Welche Ebene ist also überflüssig?

In den meisten Fällen sind es wohl die örtlichen Tourismusverbände. Auf unseren Hauptmärkten Deutschland und die Benelux-Staaten agieren die Destination ja schon viel stärker als die Österreich Werbung. Wenn Sie die Deutsche Fußball-Bundesliga ansehen: Da werben im Stadion als Destinationen das Zillertal oder die Skiwelt Amadé, aber nicht die Österreich Werbung. In diesem föderalen System mit seinen vielen Ebenen – ähnlich wie etwa auch bei der AMA mit den vielen Genussregionen –  wird aus Gründen der Klientelpolitik viel Werbegeld sinnlos verpulvert.

Was sind nun ihre, sagen wir: drei Kernforderungen an ein Tourismusprogramm der Regierung?

Es fehlt eine Zielsetzung, eine Vision, die etwa bis in das Jahr 2030 oder 2040 reicht. Zweitens liegen, wie zuletzt erwähnt, die Strukturen beim Marketing im Argen, und drittens ist die steuerliche Komponente nur sehr vage formuliert, die Stichworte sind da vor allem Abschreibung und Lohnnebenkostensenkung.

Ausbildung von Fachkräften haben Sie bisher nicht erwähnt. Passt da alles?

Nein, sicher nicht, aber das geht über den Tourismus weit hinaus. Bei mir im Pongau gibt es im Moment 350 offene Lehrstellen in allen möglichen Berufen, aber nur 23 Lehrstellensuchende. Daher muss man bei der Schule ansetzen, qualitativ und quantitativ. Jetzt entscheiden sich die Jugendlichen mit 14 oder 15, aber da treffen meiste die Eltern die Entscheidung, und die lautet oft: Matura machen. Mit 17 wüssten die Jugendlichen vermutlich besser, was sie wollen. Da würden sich sicher viel mehr für einen Lehrberuf entscheiden. Und dann wäre die Mangelberufsliste deutlich kürzer.

Im Tourismus, mit den angeblich so langen Arbeitszeiten und geringen Löhnen?

Sie sprechen es ja an, da gibt es seit Jahren ein Bashing aus Ecken wie etwa von der Arbeiterkammer, das die Tourismusberufe schlecht macht, ich habe das schon sehr satt. Ich habe fünf Betriebe, bei mir verdient jeder Küchenchef mindestens 6000 Euro brutto, jeder Abwäscher bei 45 Stunden in der Woche mindestens 1980 brutto. Und was Wochenend-Arbeit betrifft: Wir leben in der Arbeitswelt des 21. Jahrhundert, Dienstleistungs- versus Freizeitgesellschaft.

Woher kommen aber die offiziell viel niedrigeren Löhne?

Hier werden von Arbeiterkammer und Co einfach Durchschnittslöhne errechnet, die auch die vielen kleinen Wirten ums Eck einbeziehen, wo oft die Hälfte schwarz ausbezahlt wird. Daher sind diese offiziellen Durchschnittszahlen viel niedriger, als Löhne und Gehälter in der Realität.  In Wahrheit verteidigt ja die Arbeiterkammer die Schwarzarbeit.

Wohin die Reise geht

Das Tourismus-Programm der neuen Regierung, ein Konvolut mit dem blumigen Titel: „Zusammen. Für unser Österreich. Regierungsprogramm 2017 – 2022“, gelesen von den gestrengen Augen von Tourismus-Experten: Wenn’s schon nix bringt, so schadet es sicher auch nix.

(aus Faktum 1-2/2018)

Es hat 182 Seiten, inklusive Deckblatt, Präambel und Inhaltverzeichnis, wurde präsentiert am 16. Dezember 2017. Im fünften von fünf großen Themenkreisen, bei „Standort und Nachhaltigkeit“ –  nicht unklug flankiert von den Kapiteln „Landwirtschaft und ländlicher Raum“ und „Umwelt“  – findet sich das Kapitel „Tourismus“. Von „no, na“ bis ganz konkret sind hier 21 Punkte angeführt. Faktum hat das Programm unter die Lupe genommen, ein Exzerpt davon verfasst und danach Praktiker, Politiker und Standesvertreter um ihren Segen gebeten: Dieser fällt bei letzterer Gruppe erwartungsgemäß tendenziell wohlwollender aus (Stichwort Sozialpartnerschaft), erfolgt aber dennoch nicht unkritisch. Doch auch bloße Tourismusunternehmer finden durchaus Gefallen an der Mixtur aus Schlagworten und konkreten Maßnahmen. Wiewohl: Der Worte sind genug geschrieben, sie alle wollen auch endlich Taten sehen.

Ein Missverständnis gleich zum Start

Dass diverse Verbände und Standesvertretungen, wiewohl zumindest argumentativ federführend in die Ausarbeitung des Tourismus-Programms eingebunden, es mit der Kritik ernst meinen, zeigt auch die nervöse Reaktion des Hoteliervereinigung (ÖHV) auf eine Aussage des neuen Finanzministers. Dieser, Hartwig Löger (seine Name ist wohl noch nicht sehr geläufig), hatte im Jänner in einem Beitrag der ZIB1 im Zusammenhang mit der im Programm festgeschrieben Mehrwertsteuersenkung (dazu unten mehr) launig folgendes gesagt: „Das Christkind war schon da, für den Osterhasen wird es zu spät sein, weil da werden wir vorher das Budget 18/19 fixiert haben.“ Was wiederum ÖHV-Präsidentin Michaela Reitterer dazu bewegte, eine Klarstellung vom Säckelwart zu verlangen, dass das wohl nicht auf die Rücknahme Mehrwertsteuer-Erhöhung gemünzt sein könne. Schließlich habe Tourismus-Ministerin Elisabeth Köstinger diese Rücknahme noch ausdrücklich bekräftigt. Und: Angesichts der heuer in Tirol, Salzburg und Kärnten sattfindenden Landtagswahlen statt wolle man sich gerade in den Tourismus-intensivsten Bundesländern kaum einen Umfaller leisten wollen.

Drei übergeordnete Ziele

Als drei übergeordnete Ziele hat die Regierung wie folgt definiert:  Bessere Rahmenbedingungen und Positionierung des Tourismusstandorts, Entlastungen für die Tourismuswirtschaft und drittens Bekämpfung des Fachkräftemangels im Tourismus. Mit dem ersten dieser Ziele, „Rahmenbedingungen verbessern“, geht wohl jeder Touristiker konform. „Aus unserer Sicht ist das Programm sehr gelungen – wir sind guter Dinge, denn fast alle unsere Forderungen finden sich im Regierungsprogramm wieder. Jetzt geht es nur mehr an die Umsetzung, hier werden wir genau beobachten und gegebenenfalls einmahnen“ stellt dementsprechend auch Petra Nocker-Schwarzenbacher, die Obfrau der Bundessparte Tourismus und Freizeitwirtschaft in der WKO, trotz Zufriedenheit die Rute ins Fenster. Sie ist Chefin des Hotel Brückenwirt im Pongau.

Ins selbe Horn stößt auch Siegfried Egger, Fachverbands-Obmann der Hotellerie in Tirol und Inhaber des 4-Sterne-Hotels Alpenresidenz Adler in Kirchberg: „Grundsätzlich haben die meisten Forderungen, die wir in den letzten Monaten als Fachverband Hotellerie gefordert haben Platz gefunden. Am Ende des Tages geht es aber um die Umsetzung des Programms. Wir werden hierfür als Praktiker gerne bei anstehenden Fragestellungen für die Umsetzung behilflich sein.“

Tourismus stärker verankert

„Grundsätzlich“, so meint Bernd J. Scharfegger , ist es als sehr positiv zu begrüßen, dass der Tourismus, als größter Botschafter Österreichs in der Welt und Motor für eine enorme Wertschöpfungskette, mehr Gehör als bisher findet.“ Als Geschäftsführer von Scharfegger‘s Raxalpen Resort inklusive der Rax-Seilbahn hat er in Niederösterreich ein kleines Imperium geschaffen und differenziert: „Die Rahmenbedingungen zu verbessern ist unumstritten der wichtigste Punkt. Sehr klar muss man aber das Tourismusprogramm von den generellen Problemstellungen in der Tourismus- und Freizeitwirtschaft unterscheiden.“

Das Programm gestehe immerhin ein, dass der Wintertourismus in Österreich bezüglich der Quellmärkte relativ gesättigt ist und auch das vorhandene Potenzial neuer Märkte stärker auszuschöpfen sei. Dazu sei es notwendig, die Internationalisierung voranzutreiben. „Um die gesättigte Herkunftsmärkte auszugleichen sind freilich Maßnahmen in anderen Märkten notwendig“, meint Scharfegger und nennt da den „Nachwuchs“ (der klassischen Skifahrer) als wichtigen Quellmarkt, den es wieder aufzubauen gelte.  Insofern seien Maßnahmen in Schulen wichtig, um die gepredigten „Erleichterungen für Schulskikurse und Wintersportwochen“ umzusetzen. Dazu heißt es im Regierungsprogramm allerdings recht unkonkret: „Unterstützung für Schulveranstaltungen an Bundesschulen, schulautonome Gestaltung und Abrechnungsmodalitäten von Wintersportwochen sowie Verbesserung bei der Abwicklung von Unterstützungsleistungen.“

Die geografischen Quellmärkte östlich von Österreich hätten in jedem Fall nach wie vor extremes Potenzial nach oben, „die Kaufkraft in den CEE Ländern steigt, das Interesse ist groß“, meint Scharfegger. Beschleunigte Visaverfahren für Gäste speziell aus Herkunftsländern mit besonders großem Potenzial sind angedacht, in Abstimmung mit den Schwerpunkten der Österreich Werbung (ÖW) und Landestourismusorganisationen (LTO).

Gerade dort, bei ÖW, LTOs und Co, und somit in der (fehlenden) großen österreichischen Tourismus- und Marketingstrategie, sieht aber etwa Sepp Schellhorn den Hund begraben. Der Salzburger Neos-Politiker, Haubenkoch und Tourismusunternehmer erkennt „kein klares Bild und keine Vision“, ebenso keine Tourismus-Leitbild.

Versuch eines Saisonverlängerungsmodells

Beim Punkt „Längere Dauer der Beschäftigung von Mitarbeitern in Saisonbetrieben“ hingegen finden sich im Regierungsprogramm ganz konkrete Ausformungen: Mitarbeiter, die vollzeitbeschäftigt sind, sollen während gewisser definierter Zeiträume in der Vor- bzw. Nachsaison zumindest 15, maximal 20 Stunden arbeiten können (etwa von 1. April bis 31. Mai und vom 1. Oktober bis zum 15. Dezember).  Die halbe Differenz zwischen dem Lohn/Gehalt für Vor- bzw. Nachsaison zum Lohn/Gehalt  auf Basis der Anmeldung zur Sozialversicherung während der Hauptsaison soll vom AMS gezahlt werden. Das soll für die Mitarbeiter einen Anreiz zur Verlängerung der Beschäftigung schaffen. Ein Beispiel: Ein Arbeitnehmer auf Vollzeitbasis in der Hauptsaison an der Rezeption arbeitet 20 Stunden in der Vorsaison, erhält aber die Entlohnung mit AMS-Zuschuss für 30 Stunden. Wenn diese Person in der Hauptsaison vollzeitbeschäftigt wird, bezahlt der Arbeitgeber Lohn/Gehalt für 30 Stunden und Lohnnebenkosten für 40 Stunden Beschäftigung. Der Betrieb erhält im Nachhinein vom AMS eine Förderung für 10 Arbeitsstunden und für 50 Prozent der Lohnnebenkosten. Zu Testzwecken soll das Modell in vier Modellregionen (AMS-Bezirken) stattfinden. Dieses Saisonverlängerungsmodell soll über vier Saisonen (zwei Sommer- und zwei Wintersaisonen) geführt werden. Somit können wichtige Tourismusregionen erfasst werden. „Das Saisonverlängerungsprogramm ist eine echte Chance, Betriebe länger offen halten zu können und um die Mitarbeiter an die Betriebe binden zu können – eine echte Standortstärkung“ ist Egger sehr zufrieden. Ebenso Bernd Scharfegger, er hält das Modell „absolut für eine erste attraktive Lösung, wo sich durch die Modellbezirke zeigen wird, wie es in der Umsetzung aussieht.“

Nichtraucherschutz in Gefahr

Vom euphemistisch so genannten „Nichtraucherschutz neu nach Berliner Modell“ hält aber nicht nur Scharfegger wenig: „Hier sind klare Regelungen zu schaffen. Es kann nicht sein, dass die Jugendschutzgesetze in den Bundesländern unterschiedlich sind. Ich bin dafür ,dass erst ab 18 geraucht werden darf. Ich hätte die abgetrennten Raucherzonen belassen, mit dem Gastro-Rauchverbot könnte ich aber ebenso leben,  aber dauern Änderungen, das ist absurd.“  Das Modell hebelt das im Vorjahr beschlossene generelle Rauchverbot in der Gastronomie wieder aus, sieht stattdessen eine verpflichtende Kennzeichnung für Raucher- bzw. Nichtraucher- bzw. gemischte Lokale vor sowie einen “besonderen Schutz für Mitarbeiter unter 18 Jahren“ vor. Und es wäre nicht Österreich, wenn sich damit die Bürokratie und die Belastung nicht noch größer aufblähen würden: „Zusätzlich wird eine Abgabe pro Verabreichungsplatz im Raucherbereich pro Monat eingeführt, dessen Einnahme für präventive Maßnahmen zu verwenden ist“, heißt es im Regierungsprogramm.

Bürokratie ist aber nicht per se schlecht, etwa in Sachen AirBnB und Co, wenn es darum geht, verzerrten Wettbewerb zu beseitigen:  Für die Tourismus-Konkurrenten aus der Ecke der der Plattformökonomie werden gleiche steuer-, sozial- und gewerberechtliche Verpflichtungen ins Auge gefasst, insbesondere soll hier die Anmeldeverpflichtung verankert werden.  „Die Möglichkeiten, in großartig aufwändig renovierten historischen Gebäuden, oder in Top-Locations in Städten zu wohnen, ist wohl attraktiv und ebenso für die gesamte Kette ein wichtiger Faktor geworden“, sieht Scharfegger die privat-kommerziellen Beherberger nicht generell negativ, „hier ist es jedoch sehr notwendig, klare einheitliche Richtlinien im Abgabe- und Gewerbebereich zu schaffen.“

Rücknahme der Mehrwertsteuer-Erhöhung

Die Senkung der Umsatzsteuer auf Übernachtungen von 13  auf 10 Prozent – eigentlich ist es die Abschaffung einer Steuererhöhung der vormaligen Regierung  – bewirkt fast ausschließlich Verzückung. „Die Rückführung auf 10 Prozent ist ein wichtiger Schritt, aber eben nur eine Rückführung“ sagt Sigi Egger und fügt an: „Wir sind allerdings dankbar, damit sind wir im internationalen Vergleich der umliegenden Tourismusländer wieder wettbewerbsfähig.“  Diese Senkung sei absolut notwendig, bestätigt wenig überraschend Rax-Resort-Chef Scharfegger: „Es hat nicht nur der Wettbewerbsfähigkeit geschadet, sondern hat die ohnehin belasteten Betriebe geschädigt. Insofern finde ich es in der Vergangenheit nicht durchdacht, viel Kapital in die Aufschließung neuer Märkte zu stecken, und gleichzeitig die Steuer zu erhöhen, was uns als Markt unattraktiv macht“.

Gänzlich anders sieht diese Maßnahme hingegen SPÖ-Budget- und Finanzsprecher Jan Krainer. Er hält „überhaupt nichts davon.“ Und meint, dass die 13 Prozent die Tourismuswirtschaft ohnehin schon deutlich bevorzugen, denn normalerweise zahlen Unternehmen 20 Prozent Mehrwertsteuer. Krainer, in dessen Biografie keinerlei Hinweise auf Unternehmertätigkeit oder wirtschaftliche Ausbildung auftauchen, bezeichnet die geplante Mehrwertsteuer-Rücknahme von 13 auf wieder 10 Prozent überdies als „Klientelpolitik“ und begründet das ganz klassenkämpferisch so: „Drei Prozent mehr Gewinn vom Umsatz für Hoteliers, drei Stunden weniger Schlaf für ArbeitnehmerInnen. Das erhöht direkt den Gewinn der Unternehmer auf Kosten aller anderen Steuerzahler.“

Praxisgerechte Arbeitszeiten

Doch nun wieder zurück aus dem 19. Jahrhundert in die Realität und ins 21. Jahrhundert: Das Regierungsprogramm verspricht auch, die Arbeitszeitregelungen für Betriebe und Beschäftigte in der Gastronomie praxisgerecht zu gestalten.  „Alle Branchen der Wirtschaft wünschen sich ein Arbeitszeitgesetz, das einer modernen Arbeitswelt entspricht und mit flexibleren und individuelleren Lösungen eine Win-Win-Situationen für Arbeitgeber und Arbeitnehmer gleichermaßen bringt“ spricht Petra Nocker-Schwarzenbacher nicht nur den Tourismus-Unternehmern aus der Seele.  Dabei soll ein 12-Stunden Arbeitstag nur Arbeitsspitzen abdecken und nicht zum generellen Arbeitszeitmodell werden. Ein Beispiel aus der Praxis der Pongauerin: „Wenn etwa ein Bus später ankommt als avisiert, verschiebt sich das gesamte Timing, und das ist kein Planungsfehler des Betriebsinhabers. Unangekündigte Ereignisse, die viele Arbeitskräfte binden, lassen sich anders einfach kaum bewältigen.“  Die WKO habe aber immer klar kommuniziert, dass kein genereller 12-Stunden Arbeitstag eingeführt werden soll. Siegfried Egger ergänzt: „Die Flexibilisierung ist kein selbstgestrickter Wunsch der Unternehmer, sondern die notwendige Reaktion auf ein komplett verändertes Buchungs- aber auch Freizeitverhalten des Kunden.“

Abschreibung, Finanzierung, Förderung

Die Abschreibungszeiträume an die tatsächliche Nutzungsdauer anzupassen sowie die Adaptierung der ÖHT-Förderrichtlinien (Österreichische Hotel- und Tourismusbank) stehen ebenso unter dem Stichwort „Entlastung“ im Regierungsprogramm. Das Ziel der zweiteren Maßnahme ist es, effizientere Förderungen und mehr zinsgestützte Kredite zu gewähren sowie Wirte und Gastronomie im ländlichen Raum zu stärken, indem etwa die Förderaktion „Landgasthäuser“ neu aufgelegt wird. Egger ist erstere Maßnahme allerdings noch nicht konkret genug: „Im Bereich der Abschreibung fehlt mir noch der klare Weg. Wir müssen, speziell in der Hotellerie ständig neu investieren und die alte Regelung ist alles andere als ein Investitionsmotor. Ich hoffe, in diesem Bereich werden Experten miteingebunden.“

Scharfegger weiß auch aus eigener Erfahrung, dass „betriebliche Finanzierungen, in einem klassischen Banken-Darstellungsbild defacto nicht mehr möglich sind. Es bedarf neuer unbürokratischer Wege, um überhaupt die vielen notwendigen kleinen Player am Markt zu motivieren und sich weiter zu entwickeln.“  Es müsse möglich sein, dass der laufende operative Betrieb nicht durch extreme Bürokratie, meist verbunden mit hohen Kosten, passieren kann: „Investitionen sind bei vielen kleineren Betrieben nicht einmal mehr ein Thema, da eben der laufende Betrieb genug Sorgen bereitet.“

Bekämpfung des Fachkräftemangels

Der Fachkräftemangel zieht sich bekanntlich durch die gesamte Wirtschaft, laut Regierung müsse diesem durch eine Attraktivierung der Ausbildung im Inland und eine Reduktion der Arbeitslosigkeit erfolgen, weiters durch die qualifizierte Zuwanderung.

„Ja gut“, sagt Scharfegger, „aber auch hier gehört genau definiert, was damit gemeint ist. Es kann nicht sein, dass ohne jegliche Grundlage beliebig wenig Kontingente für Personen zur Arbeit in Saisonen freigegeben werden. Wir haben Mitarbeitermangel in den klassischen Tourismusberufen wie Service und Küche und es ist nicht möglich –  als Beispiel – unbürokratisch und unkompliziert einen Mitarbeiter aus einem EU-Land mit Übergangslösung wie etwa Kroatien zu beschäftigen. Es muss jeden einmal klar sein, dass die Menge an freien Jobs in der Gastronomie und Hotellerie nicht mit arbeitslosen Menschen des eigenen Landes, zu besetzen geht. Hier muss Internationalisierung her. Und gleichzeitig Bewusstseinsmachung, dass die liebe Kellnerin im Dirndl vom Land, in dieser Form nur in wenigen Betrieben ist, und in Zukunft nicht mehr existieren wird.“

Was noch fehlt und was es bringt

Versuch eines Resumees: Die besprochenen Maßnahmen des vorliegenden Programms, so es das Papier wert ist, auf dem es geschrieben wurde, könnte tatsächlich den heimischen Tourismus stützen. Die wieder niedrigere Mehrwertsteuer sollte sich auf die Beschäftigung und die Wettbewerbsfähigkeit positiv auswirken, ebenso auf die Ertrags- und Innenfinanzierungskraft der Betriebe. Die höheren Cashflows sollten die Investitionen erleichtern und auch positive Effekte bei Zulieferern auslösen. Und falls es nichts bringt, so schadet es wohl nichts.

In Selbstzufriedenheit suhlen sich die Tourismus-Vertreter aber trotzdem nicht. „Wir brauchen gerade jetzt Investitionsfreibeträge, viele Betriebe stecken im Investitionsstau“, appelliert Siegfried Egger. Auch die Energierückvergütung, die vor ein paar Jahren für die Hotellerie gestrichen wurde, gehöre unbedingt wiedereingeführt und von der neuen Regierung erwartet er sich „einen klaren Auftrag für eine Bildungsreform in touristischen Lehrberufen.“ In Vorarlberg starte dazu ein mutiges Projekt, „leider ziert sich der Sozialpartner noch.“ Man brauche aber eine klare Verjüngung des Ausbildungsprogramms entsprechend des digitalen Zeitalters. Petra Nocker-Schwarzenbacher hätte sich auch eine Senkung der Mehrwertsteuer. auf Kino-, Theater-, Zirkus-, Museums- oder Schwimmbadbesuche, Kultur- und Sportveranstaltungen gewünscht, „das wäre noch eine wichtige Forderung für den Tourismus gewesen.“ Welche anderen Themen ihrer Meinung nach einer (Neu-) Regelung bedürfen? „Die Liste dessen, was wir noch brauchen würden, ist sehr lange. Aber jetzt geht es erst einmal an das Abarbeiten des Regierungsprogrammes …“

 

Das Tourismus-Programm in Kürze

Zieldefinition

  1. Bessere Rahmenbedingungen und Positionierung des Tourismusstandorts
  2. Entlastungen für die Tourismuswirtschaft
  3. Bekämpfung des Fachkräftemangels im Tourismus

 

Maßnahmen

Bessere Rahmenbedingungen und Positionierung des Tourismusstandorts

  • Entwicklung einer neuen Gesamt-Tourismusstrategie mit jährlichem Monitoring
  • Umsetzung der vorliegenden Digitalisierungsstrategie für den österreichischen Tourismus vom September 2017
  • Erleichterungen für Schulskikurse und Wintersportwochen
  • Gleiche steuer-, sozial- und gewerberechtliche Verpflichtungen für die Plattformökonomie (Airbnb etc.)
  • Längere Dauer der Beschäftigung von Mitarbeitern in Saisonbetrieben
  • Visaverfahren für Gäste speziell aus Herkunftsländern mit besonders großem Potenzial beschleunigen
  • Nichtraucherschutz NEU: In Anlehnung an das Berliner Modell: − Verpflichtende Kennzeichnung für Raucher- bzw. Nichtraucher- bzw. gemischte Lokale − Besonderer Schutz für Mitarbeiter unter 18 Jahren vorsehen
  • Bundeshüttenförderung (Verband Alpiner Vereine Österreichs) fortführen

 

Entlastungen für die Tourismuswirtschaft

  • Arbeitszeitregelungen für Betriebe und Beschäftigte in der Gastronomie praxisgerecht gestalten
  • Bestehendes Modell der familienhaften Mitarbeit evaluieren und entbürokratisieren
  • Erleichterung der Privatvermietung − Gleiche Rahmenbedingungen sollen für gleiche Tätigkeiten für alle Zimmervermieter geschaffen werden, diese aber erleichtert werden
  • Senkung der Umsatzsteuer auf Übernachtungen von 13% auf 10%
  • Betriebsübergabe in der Familie erleichtern. Die Betriebsübergabe soll durch steuerliche Entlastungen, vereinfachte Behördenverfahren und wirtschaftlich zumutbare Fristen bei Auflagen (Betriebsanlage) erleichtert werden.
  • Senkung der Lohnnebenkosten
  • Abschreibungszeiträume an tatsächliche Nutzungsdauern anpassen
  • Österreichische Hotel- und Tourismusbank (ÖHT) – Adaptierung der ÖHT-Förderrichtlinien mit dem Ziel, effizientere Förderungen und mehr zinsgestützte Kredite zu gewähren sowie Wirte und Gastronomie im ländlichen Raum zu stärken (Förderaktion „Landgasthäuser“ neu auflegen)

 

Bekämpfung des Fachkräftemangels im Tourismus

  • Die Bekämpfung des Fachkräftemangels in der österreichischen Wirtschaft muss primär durch eine Attraktivierung der Ausbildung im Inland und eine Reduktion der Arbeitslosigkeit erfolgen, weiters durch die qualifizierte Zuwanderung
  • Adaptierungen bei der Fachkräfteverordnung (Regionalisierung der Mangelberufsliste): Regionaler Bedarf und Anwerbung über Inserate sollen stärker berücksichtigt werden
  • Reform der Rot-Weiß-Rot-Karte und Ausweitung auf die Bedürfnisse der Tourismuswirtschaft
  • Adaptierung der Lehrberufe und Weiterbildungsmaßnahmen – Attraktivierung der Tourismusberufe mit Fokus auf die Digitalisierung in der Berufsausbildung
  • Das AMS soll Arbeitssuchende in ganz Österreich vermitteln dürfen − Zum Beispiel: Mobilitätsbonus für Arbeitslose aus Ostösterreich, um offene Stellen im Westen anzunehmen − AMS-Schnellkurse für Hilfskräfte im Tourismus

 

 

Facility, Diversity, Publicity

Facility Management, gemeinhin mit Reinigung assoziiert: Es gibt kaum Branchen, die weniger sexy anmuten. Mit der Diversity in ihrem Betrieb und der CSR als Hebel gelang es Ursula Simacek, die Firma auch zur Brand zu formen

simacek

Studenten der Fachrichtung Publizistik und Kommunikationswissenschaften haben manchmal wohl nicht sehr realistische Vorstellungen vom späteren Erwerbsleben. Berühmter Journalist, genialer Werber oder gefragter PR-Stratege vielleicht. Manche Publizistik-Absolventen werden zwar sogar Bundeskanzler, aber CEO einer international tätigen Firmengruppe mit 7.000 Mitarbeitern, das übersteigt sogar die Fantasie der meisten Publizistik-Studenten. Vor allem nicht in einer Branche, die weit weg von der Glamour-trächtigen Medien- oder Werbewelt ist, wie eben „Facility Management.“ Bei Ursula Simacek war das ganz anders. Das war seitens des familieneigenen Betriebes sogar so geplant, und konkret war das auch für sie selbst immer klar. „Als ich ein Kind war, wollte ich immer in den Betrieb, habe dort gespielt, meine Hausaufgaben dort gemacht, oft mit der Bilanzbuchhalterin geplaudert und später meine Ferialjobs absolviert.“ Der Einstieg in den Familienbetrieb kam aber früher als geplant, aus bedauerlichen Umständen: Ihr Vater führte damals in zweiter Generation den Betrieb, er verstarb aber sehr früh, gerade als Ursula maturiert hatte. Seine Schwester Christine, also Ursula Simaceks Tante, nahm das Ruder in die Hand.  „Sie fragte mich, ob ich das Unternehmen einmal übernehmen möchte. Ich wollte das unbedingt und habe daher auch ein Studium gewählt, wo ich nebenher die nötigen Fachausbildungen absolvieren konnte.“

Geprüfte Kammerjägerin

So ließ sie sich neben dem Publizistik-Studium etwa zur Schädlingsbekämpferin und Gebäudereinigerin ausbilden, machte die Meisterprüfung, bildete sich in Sachen Wirtschaft und Management weiter. „Es gab keine Berührungsängste meinerseits mit den Mitarbeitern, von denen ich viele ja seit Langem persönlich kannte, aber auch von deren Seite nicht, ich bin langsam in die Aufgaben hineingewachsen. Daher lief die Übergabe von meiner Tante an mich auch sehr entspannt ab.“ Seit 2006 steht sie nun an der Spitze der Simacek Facility Management Group. Also direkt an der Spitze einer Unternehmensgruppe, die unter ihrer Führung, aber auch schon zuvor, eine atemberaubende Entwicklung genommen hatte: Zu Schädlingsbekämpfung und Reinigung, den Geschäftsfeldern der Gründer Ladislaus Adalbert und Helene Simacek im Jahr 1942, stießen nach und nach acht weitere Business Areas dazu: Rund 75 Dienstleistungen deckt man heute ab, in 42 Städten in Österreich, Deutschland, Rumänien, Bulgarien, der Slowakei und Tschechien.  Als größtes privates österreichisches Familienunternehmen überhaupt in der Gebäudebewirtschaftung und Komplettanbieter für infrastrukturelle Facility Services offeriert Simacek

alles von Reinigung und Bewachung über Betriebsverpflegung, Wäscheservice und Hygieneprodukte bis hin zu Schädlingsbekämpfung und Taubenabwehr sowie Personalbereitstellung und Industrieservices. Millionen Quadratmeter Gebäudefläche werden auf die eine und/oder andere Art von Simacek-Unternehmen betreut.

Kerngeschäft Reinigung

Das Kerngeschäft der Gruppe mit einem Umsatz von rund 50 Prozent ist immer noch die Reinigung. Das Personal ist dabei großteils weiblich. Und: „Wir hatten immer eine sehr diverse Belegschaft, es gibt nur wenige Österreicher oder Deutschsprechende, die in dieser Niedriglohnbranche arbeiten“, sagt Simacek. Bei fast 9.000 Betrieben im Land, die Reinigungsdienste anbieten, ist der Kostendruck bei Ausschreibungen zu groß, als dass man den (überwiegend) fremdsprachigen Mitarbeiterinnen viel mehr als den Kollektivvertragslohn (beginnend bei weniger als 9 Euro brutto pro Stunde) zahlen kann. Auch daher galt es für die Chefin von

Anfang an, sich abzuheben, und vor allem, den Mitarbeitern in anderer Form mehr zu bieten, als die Lage am umkämpften Markt hergibt: Simacek investiert in die gesundheitliche Vorsorge und in die Weiterbildung der Mitarbeiter – auch und gerade in die Bildung jener Mitarbeiter, die an vorderster Front tätig sind, nämlich bei der Reinigung in der Immobilie des Kunden. Und da gibt es ein ganz offensichtliches Manko: die deutsche Sprache. „Die Kunden wollen lieber Personal, das etwas Deutsch spricht, auch wenn das mit der Arbeitsleistung direkt nicht viel zu tun hat.“

Weiterbildung für alle

Also überlegten sich Management sowie Belegschaftsvertreter, was man da machen könnte – naheliegenderweise Sprachkurse. Aber: „Fast alle Mitarbeiterinnen haben wegen Haushalt und Familie neben der Arbeit bei uns wenig Zeit. Wie kann man die schon allein mit diesen faktischen Hindernissen zu einem Sprachkurs bewegen?“  So entstand die Idee, Kurse vor Ort anzubieten, nämlich direkt im Objekt des Kunden, dem Arbeitsplatz der Mitarbeiterinnen. Simacek: „Das hat vielerlei Vorteile: Die Mitarbeiter müssen nicht extra Wege auf sich nehmen, können die Kurse nach ihren Schichten besuchen, müssen sich nicht umziehen. Vor allem sind sie unter sich. Der Großteil der Kursteilnehmer hätte sich nie dazu durchgerungen, privat ein- oder zweimal in der Woche einen Kurs zu besuchen, da gibt es zu viele Hemmschwellen.“

Resilienzsteigerung

Mit Hilfe des Österreichischen Integrationsfonds ÖIF wurden Sprachtrainer gefunden. Simacek-Kunden wie ORF, BAWAG oder ehemals die Telekom Austria zählten zu den ersten, die dem „Fremd-Personal“ Räume direkt in ihren eigenen Objekten zwecks Weiterbildung zur Verfügung stellten. „Wenn ich erfahre, dass dank der in unseren Kursen erworbenen Deutschkenntnisse sich manche Mütter erstmals zum Elternsprechtag ihrer Kinder trauten, dann berührt mich das sehr“, sagt Ursula Simacek. Wie überhaupt das soziale Umfeld des Personals in einem Niedriglohn-Beruf ganz besondere Herausforderungen bereit hält – um welche sich ebenfalls Simacek kümmert. „Pilotprojekte zur Resilienzsteigerung in sozialen Hotspots“ heißt das im Wissenschafts-Jargon. Auf das Lebensumfeld des Personals umgelegt, heißt das etwa:  Die der deutschen Sprache kaum und der bürokratischen Usancen noch weniger kundigen Mitarbeiter bekommen im Rahmen der betrieblichen Sozialberatung zum Beispiel Begleiter bei Behördenwegen zur Verfügung gestellt. In vielen Fällen geht es auch um das Thema Wohnen.

CSR in der Firmenkultur

Ein Projekt dieser Art ergab das andere, man wagte sich auch an ökologische Projekte der Firmengruppe. „Die Mitarbeiter sind das wichtigste Asset unseres Unternehmens, das war mir von Anfang an klar. Vieles startete aber situativ, war kein Teil eines großen Plans“, erzählt Simacek. Denn nach und nach kam man zur Erkenntnis, dass man eigentlich CSR – Corporate Social Responsibility – im klassischen Sinn betrieb. Da war es kein Wunder, dass sich die Chefin auf diesem Terrain bald auch außerbetrieblich engagierte. 2005 war Ursula Simacek Innungsmeisterin der Denkmal-, Fassaden- und Gebäudereiniger, seit 2010 ist sie stellvertretende Landes- sowie Bundesinnungsmeisterin der Denkmal-, Fassaden- und Gebäudereiniger. Zur Vizepräsidentin der Industriellenvereinigung in Wien wurde sie 2012 gewählt. Seit 2013 ist sie nun außerdem Präsidentin des Vereins respACT, dem austrian business council for sustainable development, der wichtigsten Unternehmerplattform des Landes in Sachen CSR. Schon zwei Jahre zuvor hatte sie ehrenamtlich Vorstandsagenden bei respACT übernommen. In dieser Funktion war Simacek federführend etwa bei den B2B Diversity Days 2011 und 2013, später veranstaltete die Vienna Business School dann in Folge einen Junior Diversity Day, gecoacht von der mittlerweile installierten CSRAbteilung.

Diversitätsmanagement

„Strategisch setzen wir seit 2010 Schritte in diese Richtung, seither gehen wir konsequent den Weg des CSR/Nachhaltigkeits-integrierten Managementansatzes“, erklärt Simacek. Maßnahmen fließen so in alle Handlungsfelder ein. In den CSR-Inhalten sind etwa der Arbeitnehmerschutz und die Arbeitssicherheit verankert. Die strukturierte Bearbeitung der Themen bringe die Vielfalt zutage und führe zu bedürfnisorientierten Lösungsangeboten für MitarbeiterInnen und Stakeholder. „Konkret heißt das: Wir haben in unserer strategischen Ausrichtung einen Diversitätsmanagement-Prozess aufgesetzt und mit systematischen und systemischen Inhalten gefüllt. Somit fließen alle Auswirkungen in unser Kerngeschäft ein.“ Nachhaltiges Wirtschaften bedeute die kontinuierliche Weiterentwicklung der Sozialbilanz, und dazu gehörten gesunde und motivierte Mitarbeiter, gerade in einer Dienstleistungsbranche wie dem Facility Management.

Zertifizierung als USP

Die Leiterin der CSR bei Simacek ist Ina Pfneiszl, langjährig bei Microsoft Österreich in der Kommunikation tätig. Pfneiszl: „Diversität ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Unternehmenskultur. Die Wertschätzung der Vielfalt unserer Anspruchsgruppen ist unsere Stärke. Um Entwicklungen positiv voranzubringen und Arbeitsplätze nachhaltig zu sichern, ist es wichtig, als Unternehmen ökonomische, ökologische und sozialgesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Menschen und Prozesse machen den Erfolg aus.“ Dass diese Haltung auch ein hohes Engagement mit sich bringt, versteht sich von selbst. So ist das Unternehmen schon seit 2009 mit seinem Umweltmanagementsystem nach EMAS VO registriert und wurde 2012 mit dem DiversCity Preis der Wirtschaftskammer ausgezeichnet. Seit Ende 2013 ist Simacek nach der ÖNORM 192500 zertifiziert, die von den internationalen Handlungsempfehlungen der  ISO 26000 abgeleitet ist und Nachhaltigkeit als integrierten Managementansatz ausweist. Bei Simacek ist man der Meinung, dass international tätige Unternehmen um die Bedeutung der Verantwortung im Kontext von nachhaltigem Wirtschaften wissen. Bei Compliance gibt es starke Länderunterschiede – in dieser Hinsicht wurde es so gelöst, dass im Konzern immer das strengste Recht angewendet wird, wie etwa bei der Datensicherheit.

Verhaltensregeln für alle

Die Compliance-Regeln müssen bei jedem Mitarbeiter ankommen, und das in allen sechs Konzernländern. So wurde unter der Leitung von Pfneiszl der Code of Conduct, also die Verhaltensregeln, nicht nur in alle Konzernsprachen übersetzt, sondern auch in einer „barrierfreien“ Version geschrieben. Konkret nach dem „capito Qualitäts-Standard in Leicht Lesen“ sowie TÜVzertifiziert. „Den Code of Conduct  unterzeichnen alle Mitarbeiter, wenn sie den Arbeitsvertrag unterschreiben“, bestätigt CEO Simacek, „und da ist es notwendig, dass wir ihn in einer leicht verständlichen Sprache aushändigen.“ Unter Pfneiszls Ägide entstand auch das „ABC der Reinigungsfachkraft“, ein Büchlein mit 52 Seiten. Da gibt es neben einem Simacek-Wertekatalog auch Nützliches zu Arbeitsbekleidung, Materialkunde, Verhalten im Krankheitsfall, Gesundheitsvorsorge und vieles mehr zu lesen. Und ein Stichwortverzeichnis mit vielen Fachbegriffen der Reinigung. Neues Geschäftsfeld

Was die CSR-Aktivitäten betrifft, ist die Simacek-Gruppe zweifellos ein Best Practice-Musterschüler in Österreich – Fachhochschulen und Universitäten fragen immer wieder die Simacek-Expertise nach. Diesen Status hat das Unternehmen genutzt, um seine Kommunikation (nicht nur B2B) daran auszurichten und die vermutlich stärkste Brand in der Branche geschaffen.  Im Kerngeschäft Facility Management deckt die Gruppe bereits praktisch alle Dienstleistungen ab. Nun will Ursula Simacek aber in ein neues Feld vorstoßen – das streng genommen alles andere als neu ist: „Wir haben Erfahrungen mit tausenden Immobilien, entwickeln immer wieder auch neue technische Lösungen“, erinnert Simacek. Dieses Wissen wird es künftig mit dem Produkt Sim. Care (siehe Kasten links) zu erwerben geben: Infrastrukturkostenmanagement und -beratung.  „Wir wissen, an welchen Rädern man drehen muss.“

Tendenziell dagegen

Die Proteste gegen das geplante „Stöckl im Park“ beim Belvedere in Wien sind qualitativ und quantitativ überschaubar, dafür laut. Denn die Medienberichterstattung ist sehr einseitig gegen das Leuchtturmprojekt, meint Betreiber Albert Welledits.

 

Österreich, zumindest meint das Salm-Bräu-Betreiber Albert Welledits, ist ein Land der Verhinderer. Und in Wien, wenn man etwas Neues machen will, ist es ganz besonders schlimm. Die Chronique Doloreuse, die der umtriebige und erfolgreiche Braugasthof-Unternehmer, der Tourismus-Magneten im ganzen Land geschaffen hat und damit auch den Staatssäckel prallt befüllt, im Moment erlebt, schlägt allerdings dem (Bier-) Fass den Boden aus. Sein jüngstes Projekt ist die Reaktivierung des traditionellen Stöckl im Belvedere.

Dort passierte ihm schier Unglaubliches. Ein Häuflein Anrainer hat protestiert. Alles, was vorher genehmigt war, steht wieder in Frage. Unter anderem mit dem hanebüchenen Argument, dass es durch die Gasthaus-Brauerei am Belvedere künftig keine Parkplätze mehr gebe. Wohlgemerkt, beim Belvedere: Dort tummeln sich schon jetzt (offizielle Statistik der Bundesmuseen für 2016) über 1,3 Millionen Gäste, ohne dass die Anrainer sich bisher über Maß beeinträchtigt fühlten, ohne dass es ein permanentes Verkehrschaos etwa in der Prinz-Eugen-Straße gibt.
Die Schwesterzeitung des ExtraDienst, FM, bringt in wenigen Tagen diese Vorgänge der Verhinderung erfolgversprechender Gastronomie- und Hotellerie-Pläne in ihrer Coverstory und zeigt an mehreren Beispielen, wie in Österreich spannende, kreative und couragierte Projekte einfach so niedergemacht werden.

Tendenziöse Berichte?

Der vorliegende Fall des „Stöckl im Park“ hat freilich auch einen medialen Aspekt. Hinter den Protesten vor Ort gegen das Projekt stehe das Umfeld einer ORF Wien-Redakteurin bzw. auch diese selbst – so erklärt sich Welledits die seiner Meinung nach tendenziöse Berichterstattung gegen das Projekt. Besagte ORF-Wien-Redakteurin ist laut Welledits auch Anrainerin des Projekts. Und überdies mit den gegen das Projekt per sattsam bekanntem Reflex gegen alles, was mit Unternehmertum zu tun hat,
protestierenden Bezirks-Grünen in Wieden auch privat bestens bekannt. Das sind Dinge, wo sich einem Journalisten die Haare aufstellen, die – so ferne sie stimmen – mit objektiver Berichterstattung überhaupt nichts mehr zu tun hätten.

Der ORF-Beitrag im O-Ton

Machen Sie sich ein Bild, liebe ExtraDiEnst-Leser: So berichtete der ORF zum Beispiel in „Wien Heute“, im TV-Beitrag vom 14. November 2017, über eine Bürger-Infoveranstaltung, auf Betreiben der Bezirksvorstehung.

Anmoderation: „…die Betreiber haben gestern den Anrainern ihre Pläne präsentiert. Gut angekommen sind sie nicht.“ Wiens schönster Garten. So haben die früheren Betreiber das Belvedere Stöckl tituliert. Auch viele Anrainer sehen das wohl so und protestieren jetzt reihenweise gegen die Pläne der Neubetreiber. Nach fast 20 Jahren Dornröschenschlaf soll das idyllische Plätzchen am Rande des Belvedere ein Großgastronomie-Betrieb mit Brauerei werden. Aus den anfangs 880 Sitzplätzen sind nach den Protesten mittlerweile 720 geworden, aber immer noch zu viele für die, die in der Gegend wohnen. O-Ton Hellmut Schneider, Sprecher der Projekt-Gegner: „Wir verstehen nicht, wie ein Projekt in diesem Maßstab, völlig ohne Verkehrskonzept und mit völliger Rücksichtslosigkeit auf das Erbe der Stadt Wien überhaupt genehmigt werden konnte. Wir hoffen, dass es in dieser Form nicht stattfindet.“
Eine Hoffnung, mit der wohl viele Anrainerinnen und Anrainer zum gestrigen Informationsabend gekommen sind. „Protestaktionen unerwünscht“ sagte nun der Bezirksvorsteher, also wird vor der Tür Stellung bezogen. O-Ton einiger Projektgegner: „Ich bin engagiert deshalb, weil ich glaube, dass hier wirklich Weltkulturerbe verloren geht.“ „Kein Mensch hat gefragt, was mit dem Weltkulturerbe ist. Wir stehen immerhin schon auf der roten Liste, was die Innere Stadt betrifft, also es geht über die Anrainerbeschwerden bei Weitem hinaus.“ Zu ihren Plänen wollen die Betreiber dann nichts vor der Fernsehkamera sagen und auch keine bei ihrer Präsentation dabeihaben. Hinter halbverschlossener Tür wird ein Lärmgutachten präsentiert, das allerdings zum Unmut der Anrainer nicht den Lärm der Gäste auf der Straße berücksichtigt. Das Verkehrsgutachten prognostiziert bis zu 3200 Gäste pro Tag und bis zu 35 Parkplätze, die für Anrainer wegfallen. Das befürchtete Parkplatzproblem wollen die Bezirksvorsteher des 3. und 4. gemeinsam entschärfen, die Bezirksgrenze verläuft durch die Prinz Eugen-Straße. Es folgt eine Aussage des sehr um Glättung des Wirbels bemühten Bezirksvorstehers Leopold Plasch zur Parkplatz-Frage. Im ORF-Beitrag heißt es dann weiter: Trotzdem, die meisten Anrainerinnen und Anrainer bleiben auch nach dem Abend bei ihrem „Nein zum permanenten Oktoberfest beim Belvedere“, wie sich die Bürgerinitiative nennt.

„Absurde Vorwürfe“

„Permanentes Oktoberfest“, „meiste Anrainer dagegen“, „Wiens schönster Garten“ in Gefahr, „idyllisches Plätzchen“. Albert Welledits, auf diesen ORF-Beitrag und einige zuvor angesprochen, kommt da die Galle hoch: „Das Stöckl im Park ist in etwa mein 150. Projekt dieser Art. Ob in Singapur, in der Schweiz oder überall sonst in Wien und ganz Österreich: So ein Level der Verdrehung der Tatsachen in den Medien und an Aggressivität einer Initiative von angeblichen Anrainern habe ich noch nirgends erlebt.“ Der „schönste Garten Wiens“, der zerstört würde, sei eine seit Jahren verwilderte Fläche, eine G‘stetten. Zudem sei es schon seit vielen Wochen völlig absurd, von „365 Tage Oktoberfest“ zu sprechen. Welledits: „Die Initiative verbreitet permanent wider besseres Wissen die Unwahrheit.“ Auch Bezirksvorsteher Plasch, sehr um Konsens bemüht, bestätigt: „Da gibt es einige, die sagen, dass sie jedenfalls das Projekt zum Scheitern bringen wollen, egal was passiert und was Herr Welledits auch zugesteht.“ Warum Welledits weder dem ORF noch W24 ein Interview gab bzw. deren Kamerateams in die BürgerInfoveranstaltung ließ, erklärt er so: „Ich habe mich mehrere Tage auf die Info-Veranstaltung vorbereitet. Das lasse ich mir nicht durch tendenziöse TV-Berichte wieder kaputt machen.“ Überhaupt seien es nur eine Handvoll Menschen, die gegen das Projekt die Stimmung anheizen: Neben dem Sprecher der Gruppe, Hellmut
Schneider, seien es bloß zwei weitere Personen. Wiewohl es keine Gründe für Proteste gegen das Projekt gebe – alle Genehmigungen, die aktuell nötig sind, seien vorhanden, man habe die Dimension der Gästeflächen freiwillig etwas zurückgefahren, es gebe praktisch keine baubedingten Rodungen auf den knapp 3000 Quadratmetern, die das Stöckl (von insgesamt 40.000 Quadratmetern des Parkes) in Anspruch nimmt, man pflanze hingegen sogar 44 neue Bäume. Welledits: „Ich bin der Zwischenrufe von selbsternannten Experten für eh alles überdrüssig. Da wird Stimmung gemacht, als würde ich einen Flughafen im Belvedere Park errichten.“

ORF-Spitze dementiert

Der Grundton der Berichterstattung, etwa in zitiertem ORF-WienBeitrag, mag nicht in allen Ohren geglückt und ausgewogen klingen („halbverschlossene Türen“, „Unmut der Anrainer nicht berücksichtigt“, „völlige Rücksichtslosigkeit“, „ohne Verkehrskonzept“, et cetera). Die Argumente der Betreiber finden wenig Platz, und tatsächlich wird das Wording der Protestierer oft unkommentiert übernommen. Bei ORF weist man aber brüsk alle Parteinahme für die Seite der StöcklGegner zurück. Peter Unger, Fernsehchef von ORF Wien, nimmt die von Welledits namentlich genannte ORFRedakteurin, die klar auf Seite der Gegner stehe, naturgemäß in Schutz. „Es war von Anfang an besprochen, dass sie nichts in der Causa berichtet, keinen einzigen Beitrag macht“, sagt Unger. Auch die Redakteurin selbst stellt in Abrede, ihren Einfluss als Mitglied der ORF-Redaktion auf ebendiese ausgenützt zu haben: „Ja, ich bin Anrainerin des Projekts. Aber ich bin nicht in der Bürgerinitiative tätig.“ ExtraDienst nimmt das zur Kenntnis. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt dennoch im Gaumen.
 

 

Angst vor dem Spanien-GAU

Die Türkei und Nordafrika als langjährige Winterdestinationen der Österreicher brachen in den letzten Jahren schon stark ein. Separatismus und vielleicht sogar Bürgerkriegsgefahr in Katalonien wären für Touristiker nun der größte anzunehmende Unfall.

Die Unruhen in Spanien und die Separatisten-Bewegung in Katalonien lassen den Touristikern kalten Angstschweiß über den Rücken laufen. Die Situation scheint sich zu beruhigen, doch im Bürgerkriegsfall könnte die Lage zum GAU für den Tourismus werden: Zu Redaktionsschluss hatte sich der Separatisten-Führer Carles
Puigdemont von Barcelona nach Belgien abgesetzt. Die Zentralregierung in Madrid greift durch, die Beamtenschaft aus der Hauptstadt fällt in Katalonien ein, vorerst scheint alles ruhig. Doch werden die Hunderttausenden, die die Abspaltung fordern, sich kampflos fügen? Und was ist mit den französischen Katalanen? Wittern diese Morgenluft? Was nämlich an den Medien hierzulande völlig vorübergeht ist, dass die katalanische Volksgruppe nicht nur in Spanien, sondern auch in Frankreich stark ist. Und zwar im südlichsten Teil der Provinz Okzitanien, dem Département Pyrénées-Orientales, namentlich Roussillon und Perpignan. Der Kurier von 31. Oktober 2017 ging etwa in einem ganzseitigen Korrespondenten-Bericht aus Spanien nur mit einem Halbsatz darauf ein. FaktuM ging der Frage nach, ob sich der Krisenherd auf Frankreich ausbreiten könnte und welche Probleme die Touristiker hätten, wenn die Destination Spanien empfindlich einbricht.

Separatisten formieren sich

Während an der Oberfläche politische Kalmierungsversuche des lange schwelenden Katalonien-Konflikts äußerst spät beginnen, formieren sich vor Ort schon Organisationen, die ganz offen mit Abspaltung und Eskalation rechnen. Einige Tage vor der Flucht des Ober-Separatisten Carles Puigdemont hatte sich etwa in „Nordkatalonien“, also auf französischem Staatsgebiet in Perpignan, ein „Comitè de Solidaritat Catalana“ formiert. Gegenüber der Nachrichtenagentur Agence France Press verlautete, dass man „angesichts der Aggressionen und der Unterdrückung durch den spanischen Staat und der fehlenden Reaktion der Europäischen Union“ bereits Bankkonten eröffnet habe, um den allfällig bald inhaftierten Separatisten unter die Arme zu greifen. Auch wolle man bedrohte Gesinnungsgenossen beschützen. Dem Separatistenführer Puigdemont will man sogar in Perpignan die Errichtung einer katalinischen Exilregierung ermöglichen. Auch von offizieller französischer Seite gibt es Vermittlungsangebote: Die Präsidentin der Provinz Okzitanien, Carole Delga, bietet angesichts der historischen Verbundenheit „Peace Talks“ zwischen Spanien und Katalonien an. Andere Separatisten, etwa jenen in Korsika, hatten die „Geburt der Republik Katalonien“ schon anerkannt. Freilich ohne rechtliches Mandat dafür.

Der Bürgermeister von Perpignan wiederum, also quasi der Hauptstadt von – laut Diktion der Separatisten – „Nordkatalonien“, stieg Anfang Oktober hingegen auf die Bremse. Er fürchte nicht, dass sich der Konflikt auf französisches Staatsgebiet ausbreiten könne, sagte er in einem Interview mit der spanischen Tageszeitung El Diario. „Hier ist die katalanische Identität eine kulturelle, nicht so politisch wie im Süden“, meinte der 68-jährige Jean-Marc Pujol. Der Bürgermeister ist als Konservativer allerdings schon rein ideologisch wohl eher auf der Seite des spanischen Regierungschefs Mariano Rajoy. Und, so der Bürgermeister: „Die katalanistischen Grüppchen repräsentieren hier bei den Wahlen nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung.“ Der Anteil der katalanisch Sprechenden in der Region erreicht je nach Erhebung kaum mehr als 20 Prozent – vor allem die älteren benützen die Sprache, die jüngeren Generationen kaum. Im „französischen Katalonien“ seien, so der Bürgermeister von Perpignan, die Katalanen eine Minderheit, weniger stark als Zuwanderer aus anderen Regionen Frankreichs, weniger stark als die Spanier oder sogar als die Migranten aus Nordafrika.

Firmen ziehen ab, Touristen bleiben aus

Unzweifelhaft ist aber, dass jegliche Art von politischer Unsicherheit oder gar bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Spanien die Wirtschaft und den Tourismus stark treffen würde. Schon in den turbulenten Spätsommertagen seit dem „Referendum“ über die Unabhängigkeit reagierten die spanischen Börsen sensibel. Und von den zehn größten Unternehmen der Provinz Katalonien haben drei schon wenige Tage nach dem illegalen Referendum (1. Oktober) ihren Gesellschaftssitz ins kastilische Spanien verlegt, zwei Banken und ein Gas-Versorger. Insgesamt, so die spanischen Medien, haben allein im Oktober bereits 1800 Firmen ihren Stammsitz aus Barcelona und Umgebung abgezogen. Diese Firmen würden bereits 30 Prozent der Jobs in der Provinz repräsentieren (die allerdings vorerst in Katalonien bleiben).

Amtlich ist auch, dass der Tourismus in der Region erste Auswirkungen spürt: Reiseveranstalter, Hotels und Fluglinien bestätigen, dass die Reservierungen für die folgenden Monate nicht erwartungsgemäß stiegen und es bereits Stornierungen gibt. Das alles in einem Tourismus-Jahr, das im Mai noch als bestes in der Geschichte des Landes prognostiziert wurde. Nach dem Attentat am 17. August in Barcelona waren die Buchungen kurzfristig um fünf Prozent gesunken, hatten sich aber binnen weniger Wochen erholt. Die Delle durch die Unruhen und die politische Unsicherheit dürfte bleiben: American Airlines hat ihren Kunden empfohlen, in diesen Tagen nicht nach Katalonien zu fliegen, und bot an, gekaufte Tickets zurückzunehmen. Die spanische Tourismus-Lobby „La Mesa del Turismo“ warnte vor den Folgen der Unabhängigkeitsbestrebungen nicht nur für Katalonien, sondern für ganz Spanien. Katalonien allein zog 2016 fast 18 Millionen Touristen an, fast 24 Prozent aller ausländischen Touristen Spaniens.

Dass der Terror im August hingegen kaum messbare Auswirkungen auf Barcelona als Destination hatte, bestätigt auch Ruefa. „Paris oder Nizza verzeichneten nach den Attentaten sinkende Buchungen, Barcelona als ebenso äußerst beliebte Touristenstadt blieb von derartigen Folgen verschont“, informiert Ruefa-Sprecherin Christina Allerstorfer. Im September war der Spanien-Anteil unter den Winter-Destinationen der Kunden bei 11,2 Prozent, Spanien hatte sogar zugelegt und damit die Malediven als Nummereins-Winterdestination überholt. „Bei Ruefa gab es – als die Unruhen starteten – vereinzelt Anfragen von verunsicherten Kunden, die nach Barcelona abreisten“, erzählt Allerstorfer. Am Flughafen und an den beliebten Zielen der Urlauber sei von den Auseinandersetzungen aber nichts zu spüren.

Auch Kathrin Limpel, Leiterin der Presseabteilung von TUI Österreich, bestätigt „Business as usual“. Die Buchung verlaufe unbeeinflusst, „unsere Destinationen sind eher die Balearen und die Kanaren.“ Man werde sich auf mögliche Unruhen einstellen, was die Auswirkungen wären, sei aber heute nicht seriös beantwortbar. Hinter vorgehaltener Hand bestätigen manche aber die große Unruhe in der heimischen Reisebranche. Nach den Einbrüchen in der Türkei, in nordafrikanischen Destinationen oder in Griechenland war Spanien (nebst Italien) einer der großen Tourismus-Gewinner und Hoffnungsgebiet für die Veranstalter. „Es kommt hoffentlich nicht zu einem großen Knall in Spanien“, heißt es. Solange es keine Reisewarnung des Außenministeriums gebe, könne man die Lage nur beobachten.

Abwarten gilt auch beim ÖAMTC: „Ich habe mit Kollegen aus den Abteilungen Touristik und Reisebüro gesprochen: Seriöserweise können wir keine Einschätzung anbieten, in unserem Reisebüro ist derzeit keine Änderung feststellbar“, so Max Kudlacek von der Kommunikationsabteilung. Dass die Katalonienkrise „aktuell noch keine Auswirkungen auf das Buchungsverhalten“ hat, beteuert Josef Peterleithner, der Präsident des Österreichischen ReiseVerbandes (ÖRV). „Auch in diesem Sommer ist Spanien nach Griechenland im Flugbereich die wichtigste Destination mit Buchungszuwächsen gegenüber 2016. Dieser Trend setzt sich für den Winter 2018/19 fort. In der Wintersaison ist Spanien das wichtigste Urlaubsland, vor allem die Kanaren.“

Letzteres gilt auch für Raiffeisen Reisen. Vertriebsleiter Martin Lauermann:
„Aktuell sind die Balearen und die Kanaren die wichtigsten Spanien-Destinationen. Barcelona stagniert leicht. Ich hoffe, dass die Krise friedlich beigelegt wird. Richtig merken würde man es im Frühjahr/Sommer 2018. Türkei und Ägypten waren 2016 bis Anfang 2017 weggebrochen.Wenn Spanien einbricht, wäre das sehr bitter.“ „Derzeit bemerken wir keine großen Auswirkungen auf das Buchungsverhalten am spanischen Festland. Obwohl Barcelona mehrfach in den Medien war, befinden wir uns sogar leicht über Vorjahresniveau, nur in Valencia verzeichnen wir einen leichten Rückgang.“ Dies habe mit Katalonien aber nichts zu tun. In Krisenzeiten sei das Vertrauen in einen etablierten Reiseveranstalter besonders wichtig. Thomas Cook verfügt über einen globalen Krisenstab, außerdem stehen ReiseExperten über „Connected Services“ 24 Stunden mit Rat und Tat zur Seite. Man bietet eine Umbuchungsmöglichkeit bis 10 Tage vor Reiseantritt ohne Angabe von Gründen.

Katalonien-Experte gibt Entwarnung

Eine leichte Entwarnung kommt auch von Seiten der Politikexperten: Tobias Zortea, Politikwissenschaftler an der Uni Wien, rechnet damit, dass die Lage zumindest bis zu den Neuwahlen am 21. Dezember ruhig bleibt. Aber: „Nach letzten Umfragen haben die separatistischen Kräfte dazugewonnen.“ Viel hänge davon ab, ob sich in der dabei führenden Partei PDeCAT der gemäßigte Wirtschaftsflügel durchsetze oder doch Carles Puigdemont als Spitzenkandidat antrete. Die Situation könne auch durch das Eingreifen von Regierungsbehörden oder Justiz eskalieren. „Welche wirtschaftliche Folgen es gibt, egal wie die Krise ausgeht, kann ich nicht sagen. Doch die Bevölkerung in Barcelona ist des Massentourismus durch Hipster und Sauftouristen schon etwas überdrüssig.“ Dass sich andere katalanisch geprägte Provinzen Spaniens oder jene in Frankreich den Separatisten anschließen, sei vorerst nicht zu erwarten, so Zortea. Zumindest, solange es nicht Bilder der martialischen Gewalt gegen Separatisten gebe.

Vom Mühlviertel in die weite Welt

 

Die global vielleicht besten elektrischen Antriebslösungen für Fahr- und Flugzeuge aller Art kommen aus Oberösterreich. Kreisel Electric will von dort aus in den USA durchstarten.

Vom EVEX Porsche 910 über einen 3er BMW bis zum VW Caddy, diese und noch einige mehr Autos fahren elektrisch, mit der Technologie und einer Batterie aus Oberösterreich. Jüngst hat auch Arnold Schwarzenegger einen von Kreisel umgebauten Mercedes G 350 D nach Kalifornien überstellt bekommen.  Schwarzenegger verlieh der E-Antrieb-Schmiede einen von seiner eigenen Klimaschutzinitiative R20 gestifteten „Austrian World Summit Innovation Award 2017“, Kreisel Electric durfte für das Design des Mavero Heimspeicher in Los Angeles einen International Design Award in Empfang nehmen, am 29. Juni wurde man in London mit einem „2017 European Electric Vehicle Technology Leadership Award“ geadelt.

Ein Unternehmen aus dem Mühlviertel, schon derart renommiert und breit aufgestellt. Und vor allem so weit vorne mit Batterie- und Antriebslösungen, dass man über vieles gar nicht sprechen darf. „Es laufen über 40 Projekte parallel, im Bereich Automobil, Flugzeuge, Boote, Traktoren und auch stationäre Speicher, Ladestationen und mehr“, verrät der neue CEO Christian Schlögl. Er bildet gemeinsam mit den drei Gründer-Brüdern Markus, Philipp und Johann Kreisel seit Mai das Führungsquartett. „Wir sind mit praktisch allen namhaften Herstellern weltweit in Kontakt wegen zukünftiger Kooperationen“, ergänzt der CEO.

Ein Ziel ist es, Kreisel-Technologie in Lizenz in Serienfahrzeuge zu bringen. Ein weiteres ist Kalifornien, wo man mit Patrick Knapp-Schwarzenegger als Partner (ein Neffe von Arnold) vertieft zusammenarbeiten wird. Das langfristige Ziel? Schlögl: „Globaler Solution Provider mit Spitzentechnologie im Bereich E-Mobilität inklusive Ladetechnik sowie stationäre Speicherlösungen sein. Und als Marke anerkannt werden, die in gewissen Teilen die Themenführerschaft übernimmt und neue innovative Lösungsansätze präsentiert.“

In Rainbach (14 Millionen Euro wurden investiert) arbeiten 70 Mitarbeiter. Rund 200 werden es 2018 sein. Ein gutes Zeichen für den Wirtschaftsstandort, denn, so Schlögl: „In Österreich gibt es sehr viele innovative Denker und Unternehmen. Besonders aus dem deutschsprachigen Raum bekommen wir viel Anerkennung, das freut uns sehr. Die Leute sind froh, dass hier bei uns wer innovativ ist und Arbeitsplätze schafft und nicht immer alles in die USA und Asien geht.“

Natürlich gebe es Länder wo viele Themen nicht so genau sind wie bei uns, etwa was Arbeitszeiten betrifft, merkt Schlögl an. Trotzdem solle man der Region die Chance geben, deswegen habe Kreisel ja den Standort in Rainbach erbaut. Ironischer Nachsatz von Schlögl: „Den geplanten Whirlpool am neuen Standort mussten wir aber leider streichen, aufgrund enorm strenger Bauvorschriften …“

 

Aus: NEWS Juli 2017

 

Innovation ist kein Zufallsprodukt

Rund 7.000 Unternehmen in Österreich betreiben eigene F&E-Abteilungen. Bei den Ausgaben dafür und auch bei den Patenten zählen heimische Unternehmen zu den besten der Welt.

 

Das europäische Innovationsranking „European Innovation Scoreboard“ (EIS) der Europäischen Kommission ist der vielleicht wichtigste Indikator, was die Innovationskraft einer Volkswirtschaft betrifft. Beim der im Juni veröffentlichten jüngsten Ausgabe hat sich Österreich im Vergleich zu 2015 um gleich drei Ränge auf Platz sieben verbessert. Damit führt Österreich die Gruppe der „starken Innovatoren“ an und ist den sechs „Innovation Leaders“ (Länder, die eine Gesamtperformance größer oder gleich 120 Prozent des EU-Schnitts haben, siehe Tabelle rechts) auf den Fersen. Das EIS vergleicht seit 2001 die Innovationskraft der EU-Länder anhand von 27 Einzelkriterien wie Bildungsniveau, Patentanmeldungen, wissenschaftliche Publikationen oder dem Anteil innovativer Produkte an der Wirtschaftsleistung.

Im heurigen Bericht weist die Europäische Kommission darauf hin, dass Österreich jenes Land ist, das sich aus der Gruppe der genannten „starken Innovatoren“ am meisten verbessert hat. „Wir punkten im internationalen Wettbewerb mit Wissen und Einfallsreichtum“, erklärt Infrastrukturminister Jörg Leichtfried dieses Ergebnis, „mit unserer Forschungsförderung von jährlich rund 500 Millionen Euro unterstützen wir unsere Betriebe dabei, neue Technologien zu entwickeln.“ Wirtschaftsminister Harald Mahrer betont die in Österreich im Europa-Vergleich zweihöchsten F&E-Investitionen von 3,14 Prozent: „Gerade unsere Klein- und Mittelbetriebe leisten dazu mit neuen, innovativen Produkten einen wesentlichen Beitrag.“ Nachholbedarf gibt es laut der aktuellen Erhebung bei ergänzenden Finanzierungsmodellen wie Venture Capital sowie bei Nicht-F&E- Innovationsausgaben.

Dass unser Land in d F&E-Rankings weiter nach oben klettert, soll unter anderem die Forschungsprämie sicherstellen. Erst im Jänner 2017 von 10 auf 12 Prozent angehoben, gab es im Juni einen Nachschlag: Per 2018 beträgt diese sogar 14 Prozent.  Christoph Neumayer, Generalsekretär der Industriellenvereinigung: „Das ist ein Meilenstein für den Forschungsstandort Österreich, die Prämie ist ein wichtiger Arbeitsplatzmotor und ein wichtiges Instrument zur Unterstützung von F&E-Investitionen. Dabei bewirkt sie, dass insbesondere international tätige Unternehmen ihre F&E-Tätigkeiten in Österreich weiter ausbauen.“

Erfindergeist aus Österreich

Die Unternehmen tragen in Österreich die Hauptlast der Forschung und Entwicklung, zeichnen für fast 70 Prozent der entsprechenden Ausgaben verantwortlich. Ein wichtiger Indikator für Innovation ist auch die Anzahl der Patente, und auch da kommen von der Privatwirtschaft die meisten Impulse: 2016 wurden im Österreichischen Patentamt von 2.574 Österreicherinnen und Österreichern Erfindungen angemeldet. Weitere 2.040 Erfindungen haben rot-weiß-rote Unternehmen beim europäischen Patentamt (EPO) registriert, bei der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) in Genf wurde von 1.280 Österreichern ein Patent beantragt. Insgesamt wurden 2016 weltweit etwa 15.000 heimische Erfindungen durch Patente geschützt. Eine deutliche Steigerung gegenüber dem Jahr 2015, als dieser Wert noch 11.576 betrug.

Laut Jahresbericht 2016 des heimischen Patentamtes war das Technologiefeld Maschinenbau (1.177 Anmeldungen) Spitzenreiter, gefolgt von Elektrotechnik (454), Chemie (359) sowie Mess-, Steuer- und Regeltechnik (375). Das innovativste Bundesland war, nach dem Verhältnis von Patentanmeldungen und Einwohnerzahl, Vorarlberg (62 Patente pro 100.000 Einwohner) gefolgt von Oberösterreich mit 42 und der Steiermark mit 37. In absoluten Zahlen liegt aufgrund der Größe jedoch Oberösterreich mit 616 Erfindungen vor Wien mit 504 und der Steiermark mit 457.

Entsprechend finden sich im Ranking der Unternehmen vor allem Betriebe aus der Steiermark und aus Vorarlberg vorne: Die AVL List aus Graz hat 2016 mit 137 Patenten am meisten neue Ideen zum Schutz eingereicht, auf den Plätzen folgen der Vorarlberger Leuchtenhersteller Zumtobel/Tridonic mit 56 Patenten sowie der Hersteller von Möbelbeschlägen Julius Blum mit 53 Anmeldungen – ebenso aus dem Ländle. Das Familienunternehmen hat seinen Umsatz 2016 auf 1,8 Milliarden Euro gesteigert und liefert in rund 120 Länder. 175 Millionen Euro investierte die Blum-Gruppe im vergangenen Geschäftsjahr in Vorarlberg, fast drei Viertel davon in Vorarlberg.

Weltweite F&E-Headquarters

Die Ausgaben eines Unternehmens für Forschung und Entwicklung sind neben den Patenten ein wohl ebenso wichtiger Indikator der Innovationskraft eines Unternehmens: Hier erweist sich laut www.trendtop500.at Infineon Technologies Austria mit Zentrale in Villach und einem F & E-Anteil von 23 Prozent des Gesamtumsatzes als das  forschungsstärkste Unternehmen des Landes. Insgesamt sind rund 1.100 Forscher in Österreich für Infineon vor allem im Bereich Mikroelektronik tätig.

Das zweitstärkste Unternehmen bezüglich F&E-Anteil ist mit Boehringer Ingelheim ein Konzern aus der Pharmaindustrie. Wien ist einer von vier Forschungsstandorten des Konzerns weltweit und das globale Krebsforschungszentrum: Die Boehringer Ingelheim RCV investiert jährlich rund 200 Millionen Euro in die Forschung. Darüber hinaus unterstützt man mit jährlich etwa 20 Millionen Euro das in der Grundlagenforschung tätige IMP (Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie). Rund 270 Mitarbeiter sind in Wien allein im Bereich der Krebsforschung tätig.

Das Unternehmen investiert in diesen Monaten kräftig: Schon 2016 wurden 52 Millionen Euro in den Neubau des IMP gesteckt, den Ausbau des Wiener Standortes (Spatenstich war im April 2017) lässt man sich sogar 700 Millionen Euro kosten:  Die neue biopharmazeutische Produktionsanlage in Wien-Meidling ist die größte Einzelinvestition in der Geschichte des Unternehmens und die größte Firmeninvestition in Wien seit der Errichtung des General-Motors-Werks in Aspern 1979. In der neuen Anlage werden ab 2012 biopharmazeutische Arzneimittel mithilfe von Zellkulturen hergestellt. Rund 500 zusätzliche Arbeitsplätze für hochqualifizierte Mitarbeiter werden geschaffen. „Die gesuchten Positionen reichen von Verfahrenstechnikern und Biopharmazeuten über Laboranten bis hin zu Jobs im Vertrieb“, so Philipp von Lattorff, Generaldirektor Boehringer Ingelheim Regional Center Vienna. Derzeit beschäftigt das deutsche Familienunternehmen in Wien mehr als 1.600 Personen.

Reformen, um an Weltspitze zu bleiben

Borealis als einer der führenden internationalen Anbieter für Basischemikalien und Kunststoffe hat 2006 Linz zum Zentrum seiner gesamten internationalen Forschungsaktivitäten gemacht. Insgesamt beschäftigt man über 500 Mitarbeiter im Bereich Forschung & Entwicklung, in Linz arbeiten 300 Experten aus 30 verschiedenen Nationen an der raschen Umsetzung von innovativen Ideen hin zur Marktreife. Man kooperiert mit zahlreichen österreichischen Forschungseinrichtungen und ist einer der größten Patentanmelder des Landes. Borealis-CEO Mark Garrett hofft, dass das Land nicht an Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit verliert: „Es bedarf dafür einiger wichtiger Reformen, insbesondere eine Senkung von Steuern und Abgaben wäre dringend erforderlich, damit der Wirtschaftsstandort Österreich wettbewerbsfähig bleibt und als Arbeitsplatz für dringend benötigte internationale Spitzenkräfte wieder attraktiver wird. Außerdem muss Österreich etwas tun, um selbst Spitzenkräfte auszubilden. Die Umsetzung einer umfassenden Bildungsreform – von der Volksschule bis hin zu den Hochschulen – ist dringend notwendig.“

Mit dem innovativen Output heimischer Jungunternehmer scheint der Schweizer Pharma-Riese Roche jedenfalls zufrieden zu sein: Vor wenigen Tagen hat man um eine kolportierte Kaufsumme im bis zu dreistelligen Millionenbereich das Wiener Startup mySugr übernommen. Mit deren Diabetes-App wird die Therapie unter Verwendung von Smartphones erleichtert. Roche gilt als globaler Pharmakonzern mit den höchsten F&E-Ausgaben, rund 20 Prozent vom Umsatz, konkret etwa 10 Milliarden Euro. In Österreich unterstützt Roche die klinische sowie unabhängige Forschung und die kontinuierliche Fortbildung österreichischer Fachgruppen mit einem Gesamtbetrag von rund  5,8 Millionen Euro. Derzeit werden rund 1.700 Patienten in über 60 klinischen Studien behandelt und etwa 50 unabhängige Forschungsprojekte unterstützt. Johannes Pleiner-Duxneuner, Medical Director von Roche Österreich, verdeutlicht: „Wir erforschen und entwickeln neue Diagnostika und Medikamente, um Patienten ein besseres und längeres Leben zu ermöglichen. Dazu fördern wir die unabhängige klinische Forschung in Österreich und arbeiten eng mit heimischen Wissenschaftlern und Facheinrichtungen zusammen.“

Weltgrößtes Solarkraftwerk

Roche, Boehringer oder Borealis sind bekannte globale Player. Doch auch andere heimische eher als Hidden Champion durchgehende Unternehmen punkten mit enormer Innovation und ebensolchen F&E-Aktivitäten: Etwa die 1990 als Technisches Büro für Verfahrens- und Umwelttechnik von Michael Koncar gegründete VTU. Heute besteht die VTU-Gruppe aus Grambach bei Graz aus mehreren Technologieunternehmen mit Schwerpunkt in der Prozessindustrie in den Industriezweigen Pharma, Biotechnologie, Chemie, Metallurgie, Erdöl und Erdgas, Energietechnik sowie Verarbeitung nachwachsender Rohstoffe. Die Gruppe beschäftigt 2017 rund 460 Mitarbeiter in Österreich, Deutschland, Italien, Schweiz und Rumänien, weit über 300 davon sind hochqualifizierte Techniker. Die F&E-Ausgaben bewegen sich regelmäßig um die fünf Prozent des Umsatzes. Michael Koncar: „Wir wollen weiter wachsen – mit den besten Köpfen und dem größten Know-how.“ Aktuell sucht man zum Beispiel dringend für große Projekte vor allem in Europa gut ausgebildete Verfahrenstechniker.

Woran ein solcher bei der VTU so arbeitet? Etwa am Abrechnungssystem für das weltgrößte Solarkraftwerk: VTU Energy machte selbiges 2016 für Noor 1 im marokkanischen Solarpark Ouarzazate, das Kraftwerk erzeugt Strom für 350.000 Menschen und besteht aus einer halben Million Spiegel in einem 4,5 km² großen Parabolrinnenfeld. Das hochkomplexe Abrechnungssystem für dieses Kraftwerk lieferte ein auf thermische Kraftwerksprozesse spezialisiertes Experten-Team von VTU aus der Steiermark.

 

Aus NEWS, Juli 2017

Innovativ Bauen, smart Wohnen

 

Neue Modelle für leistbares Wohnen sind nötig, die kurzfristige Nachfrage ist vor allem in Wien groß.  „Smart Living“ als weiterer Trend beim Wohnen wird sich aber erst langfristig durchsetzen.

 

Österreich bleibt Spitzenreiter in Sachen Wohnbauvorhaben: Der Mitte Juli zum sechsten Mal ermittelte Deloitte Property Index vergleicht die Wohnungsmärkte und die Wohnmarkttrends in ausgewählten Ländern, 18 Länder aus der EU sowie Israel wurden untersucht. In keinem der anderen analysierten Länder wurde im Jahr 2016 mit der Errichtung so vieler neuer Wohnungen pro Einwohner begonnen wie in Österreich. „Damit wird sowohl von privaten als auch öffentlichen Bauträgern der wachsenden Nachfrage Rechnung getragen“, bestätigt Alexander Hohendanner, Partner bei Deloitte Österreich.

Allerdings: Besonders billig ist der Kauf einer Wohnung hierzulande trotz des offenbar steigenden Angebotes nicht, man bezahlt laut der Studie für eine 70m2 Wohnung rund sechs Bruttojahresgehälter und befindet sich damit nur im europäischen Mittelfeld. Die teuersten Neubauwohnungen im Verhältnis zum Einkommen gibt es in Großbritannien, die billigsten in Portugal. Auffällig ist hierzulande auch das Stadt-Land-Gefälle beim Quadratmeterpreis, und dabei die vergleichsweise sehr teuren Wohnungen in Wien. „Hier zahlt man durchschnittlich einen Quadratmeterpreis von rund 4.000 Euro. Das ist eineinhalbmal so viel wie im nationalen Durchschnitt“, ergänzt Alexander Hohendanner. Doch in Österreich wird ohnehin gerne gemietet, beinahe ein Drittel der heimischen Haushalte (30,2 Prozent) lebt in gemieteten Wohnobjekten. Damit liegt Österreich auf Platz drei in Europa und wird nur noch von Deutschland und Dänemark übertroffen.

Starker Zuzug nach Wien

Brennpunkt der Wohnungs-Problematik ist wenig überraschend Wien. Die Bundeshauptstadt wird schon 2022 zwei Millionen Einwohner haben, hatte per 2016 genau 902.004 bewohnte Wohnungen. Im Jahr 2015 hat zum Beispiel hat die Bevölkerung um rund 43.000 Personen zugenommen, in den kommenden Jahren wird damit gerechnet, dass jährlich zumindest 30.000 Menschen zuziehen werden. Die Anzahl der Einpersonenhaushalte in Österreich und damit der Flächenbedarf für das Wohnen steigen stetig. Heute leben die Österreicher auf fast 40 Quadratmetern pro Person. Eine Generation zuvor, also 20 Jahren, hatte jede Person erst die Hälfte zur Verfügung. 1951 betrug der Anteil der Einpersonenhaushalte rund 17 Prozent und hat sich seither mehr als verdoppelt, gut 1,4 Millionen Menschen im Land leben allein, ein Haushalt umfasst im Durchschnitt gerade knapp über zwei Personen. Da die Zahl der Single-Haushalte eben steigt, werden Wohnungen um die besagten 40 Quadratmeter verstärkt nachgefragt, doch von denen gibt es zu wenige.

Laut dem Wiener Wohnbau-Stadtrat Michael Ludwig soll die jährliche Wohnbauleistung in der Stadt auf 13.000 Wohnungen (davon 9.000 geförderte Wohnungen) hochgeschraubt werden, ein durchaus ambitioniertes Ziel, daher auch sein Zusatz „mittelfristig“. Die laufende „Smart-Wohnungsoffensive“ soll die Wohnungen zudem „einfacher“  machen – sprich: billiger. Vor allem das Smart-Wohnbauprogramm soll dabei helfen, es umfasst ein Drittel der geplanten Neubauleistung.  Die Stadt bietet der Bevölkerung damit besonders leistbares Wohnen, die Bruttomieten pro Quadratmeter und Monat sind mit 7,50 Euro limitiert. Seit diesem Sommer sind etwa im Bauteil West des Sonnwendwiertel 150 Smartwohnungen (und dazu 23 Wohnungen und drei Wohngemeinschaften) mit Größen zwischen 39 m2 und 100 m2 fertig. Smart-Wohnungen haben kompakte, durchdachten Grundrissen. Jede Wohnung verfügt über einen Freiraum (Terrasse, Loggia oder Garten). Die Wohnanlage verfügt über zahlreiche Gemeinschaftseinrichtungen und -räume. Es wird also zusätzlicher, kostengünstiger und intelligent konzipierter Wohnraum angeboten.

 Skepsis beim „vernetzten Wohnen“

Smart ist aber auch das Zauberwort eines anderen Trends, der weniger auf die Knappheit am Wohnungsmarkt und die demnach relativ hohen Preise, sondern auf die rasanten Entwicklungen der Technologie eingeht: Intelligente, also „smarte“ Steuerelemente und -systeme können das Wohn- und Lebensgefühl verbessern und helfen oft auch der Umwelt. Vor allem das „Internet of Things“ verändert Wohnen, Leben und Arbeiten massiv: Das vernetzte Wohnen ist zwar noch nicht für alle leistbar, doch zunehmend mehr Normalbürger wollen auf „Smart Living“ nicht verzichten und wünschen elektronischen Lösungen im Wohnbereich, die eine leichte und energieeffiziente Bedienbarkeit ihres Heizungs-, Licht- und Kühlsystems bringen oder und für  Sicherheit und Komfort sorgen. „Smart Living“ ist ein Überbegriff, der quasi das ganze Leben beinhaltet und somit etwa auch die Versorgung mit Nahrungsmitteln, Energien, also Heizung oder Kühlung, und Kommunikationsmitteln integriert.

Die Studie „Wohnen im Wandel der Generationen“, die Integral Markt- und Meinungsforschung für ImmobilienScout24 2016 unter 1000 Österreichern durchgeführt hat, zeigt aber, dass die Österreicher diese technischen Möglichkeiten und Entwicklungen aber mit etwas Skepsis gegenüber stehen. Die junge Generation (16-29)  ist besonders aufgeschlossen, beinahe jeder Zweite davon findet die neuen Möglichkeiten toll bzw. gut. Aber nur rund jeder dritte Österreicher sieht sie positiv (35 Prozent). Ein gutes Viertel (28 Prozent) ist im Hinblick auf das einwandfreie Funktionieren der neuen Technologien skeptisch, knapp ebenso viele (24 Prozent) haben Ängste davor, etwa vor Datenmissbrauch oder Manipulation. Frauen sind generell skeptischer: 42 Prozent der Männer, aber nur ein gutes Viertel der Frauen stehen dem „Internet of Things“ im Haushalt positiv gegenüber.

Erleichterungen im Alltag erwarten die Österreicher vor allem von der Fernsteuerung der Haushaltstechnologien – etwa bei Raumtemperatrur (67 Prozent), Sicherheitssystemen (53 Prozent) sowie  Beleuchtung (41 Prozent). Knapp 4 von 10 sehen Vorteile durch die Live-Überwachung von Eigenheimen, ein knappes Drittel der Befragten durch die Sprachsteuerung von Geräten, wie etwa dem TV-Gerät. Vom sogenannten „selbstfüllenden Kühlschrank“ (das Gerät erkennt selbst, welche Waren fehlen und bestellt diese autonom via Internet) erwartet sich lediglich jeder Fünfte einen positiven Beitrag bei der Bewältigung des Alltags.

Paul Szisz,  Geschäftsführer von Integius, eines auf Smart Homes spezialisierten  Unternehmens,  kann die generelle Skepsis verstehen, etwa weil manches schon am Markt befindliche nur technische Spielerei ist: „Zum Beispiel gibt es bereits Haushaltsgeräte, die in voller Funktionstiefe nur mehr mittels Smartphone App bedienbar sind“, sagt Szisz in einem Interview auf stadt-wien.at. Das sei weder smart noch zu Ende gedacht, „denn der Herd oder die Waschmaschine hält hoffentlich 10 bis 15 Jahre, das Smartphone werde ich aber voraussichtlich alle zwei bis drei Jahre austauschen und muss dann hoffen, dass es in 10 Jahren noch eine passende App gibt – eine wenig erfreuliche Vorstellung.“ In den nächsten fünf Jahren werde die  Smart-Living-Branche weiterhin Kunden aus dem Luxusbereich anlocken, noch nicht aber die breite Masse.

Wohnen in der Stadt der Zukunft

Wien wird schon 2022 zwei Millionen Einwohner haben. Wie Wohnen trotzdem leistbar bleiben soll und was die Wohnungen den Menschen bieten werden.

Die Anzahl der Einpersonenhaushalte in Österreich und damit der Flächenbedarf für das Wohnen steigen stetig. 1951 betrug der Anteil der Einpersonenhaushalte rund 17 Prozent und hat sich seither mehr als verdoppelt, gut 1,4 Millionen Menschen im Land leben allein, ein Haushalt umfasst im Durchschnitt gerade knapp über zwei Personen. Heute leben die Österreicher auf fast 40 Quadratmetern pro Person. Eine Generation zuvor, also 20 Jahren, hatte jede Person erst die Hälfte zur Verfügung.

Da die Zahl der Single-Haushalte eben steigt, werden Wohnungen um die besagten 40 Quadratmeter verstärkt nachgefragt, doch von denen gibt es zu wenige. In Österreich haben bereits 55 Prozent der Bevölkerung den Wohnsitz in einer der 73 Städte. Als solche werden hierzulande Gemeinden mit mehr als 10.000 Einwohnern bezeichnet. Die großen gesellschaftlichen Herausforderungen, wie die Lösung der Energie- und Klimaproblematik oder die alternde Gesellschaft, sind primär im urbanen Raum zu lösen.

Wien im Brennpunkt

Die Bundeshauptstadt hat per Jahr 2016 genau 902.004 bewohnte Wohnungen. Im Jahr 2015 hat zum Beispiel hat die Bevölkerung um rund 43.000 Personen zugenommen, in den kommenden Jahren wird damit gerechnet, dass jährlich zumindest 30.000 Menschen zuziehen werden. Doch in Wien vollzieht sich auch ein demographischer Wandel: Zum einen werden die Wiener im Durchschnitt immer jünger, die Hauptstadt hat unter den österreichischen Bundesländern die jüngste Bevölkerung. Zum anderen die steigende Zahl betagter Menschen. Und auf deren besondere Wohnbedürfnisse muss Rücksicht genommen werden.

Schließlich ist Wien auch von globalen Ereignissen wie der Finanzkrise und den Flüchtlingsbewegungen betroffen: Soziale Unterschiede nehmen daher in Wien wie auch europaweit zu. Auch die „Flucht ins Betongold“, also Immobilien als vermeintlich lukrativste Anlageform bei niedrigen Zinsen,  hat  die Immobilienpreise ansteigen lassen, wenngleich nicht so massiv wie in vergleichbaren anderen europäischen Metropolen. Die Einkommen stagnieren jedoch in breiten Teilen der Bevölkerung.

Smart  gefördert

Die Stadt Wien, namentlich Wohnbau-Stadtrat Michael Ludwig, hat sich daher vorgenommen, die hohe geförderte Neubauleistung von zuletzt 7.000 Wohneinheiten jährlich weiter zu steigern: „Seit 2017  wird die geförderte Neubauleistung auf 9.000 geförderte Wohnungen jährlich angehoben – insgesamt sollen 13.000 Wohnungen pro Jahr entstehen.“ Ein durchaus ambitioniertes Ziel, das wohl eher nur mittelfristig zu erreichen sein wird.

Als Bauherr und Vermieter ist die Stadt ohnehin schon hochaktiv: Wiener Wohnen verwaltet, saniert und bewirtschaftet die städtischen Wohnhausanlagen Wiens, dazu gehören rund 220.000 Gemeindewohnungen (davon rund 1.600 Hausbesorgerdienstwohnungen und 7.500 Wohnungen in Fremdverwaltung. Jeder  vierte Wiener lebt somit aktuell in einem Gemeindebau. Seit 2008 wurde insgesamt mehr als eine Milliarde Euro in die Sanierung von Gemeindebauten mit knapp 40.000 Wohnungen investiert.

Diesen erfolgreichen Weg will man auch in Zukunft fortsetzen – mit neuen Gemeindewohnungen und vor allem dem Smart-Wohnbauprogramm. Letzteres umfasst ein Drittel der geplanten Neubauleistung.  Die Stadt bietet der Bevölkerung damit besonders leistbares Wohnen, die Bruttomieten pro Quadratmeter und Monat sind mit 7,50 Euro limitiert. Ab Sommer 2017 sind etwa im Bauteil West des Sonnwendwiertel 150 Smartwohnungen (und dazu 23 Wohnungen und drei Wohngemeinschaften) mit Größen zwischen  39 m2 und 100 m2 fertig. Jede Wohnung verfügt über einen Freiraum (Terrasse, Loggia oder Garten). Die Wohnanlage verfügt über das Tagesstrukturzentrum Caritas, Kleingewerbe, Fahrrad- u. Kinderwagenabstellräume, Waschküche, Müllraum und  Gemeinschaftsräume. Wegen der Nähe zum im Hauptbahnhof stehen Geschäften des täglichen Bedarfs und sogar ein Schulcampus am Gelände zur Verfügung. Das Projekt wird gemeinsam mit der Heimat Österreich errichtet.

In Simmering zum Beispiel wird aktuell, gefördert durch das EU-Projekt „Smarter together“, ein ganzheitlicher Transformationsprozess einer Nachbarschaft, hin zu einem smartem zukunftsfähigen Grätzl umgesetzt.  Dabei spielen Gemeindebausanierungen, neue Mobilitätsangebote und die Einbindung der lokalen Bevölkerung eine entscheidende Rolle. Durch die Projekte können insgesamt 6 Mio. kWh jährlich an Energie und 550 Tonnen CO2 eingespart werden. 900 Arbeitsplätze können gesichert und zum Teil neu geschaffen werden.  Insgesamt werden mehr als 46 Mio. Euro in die smarte Aufwertung des Gebiets Simmering Nordwest, in dem rund 21.000 Wienerinnen und Wiener leben, investiert. Im Zentrum stehen die „smarten“ Sanierungen von drei Wohnhausanlagen mit einer  Fläche von 75.000 Quadratmetern.

Privat und nachhaltig

Die Projekte aus der Wohnbauinitiative (WBI), einem seit 2011  bestehenden zusätzlichen Programm für den geförderten Bau von neuen Wohnungen , bieten ähnlich günstige Konditionen wie der geförderte Wohnbau. Die Bauträger werden hierbei von der Stadt Wien mit günstigen Darlehen unterstützt, im Gegenzug erfüllen die Wohnungsangebote höchste Qualitätsanforderungen und die Mieten sind niedriger als am privaten Wohnungsmarkt. Projekte der Wohnbauinitiative werden von Partner-Konsortien, die aus Bauträgern und Finanzdienstleistern bestehen, realisiert. Die Projekte der neuen Etappe der WBI werden auf vier Arealen in drei Wiener Bezirken umgesetzt: in Wien-Landstraße, im sogenannten Franzosengraben, im Sonnwendviertel in Favoriten sowie am ehemaligen Areal der Hoerbiger Ventilwerke und in der Otmar-Brix-Gasse in der Nähe von Schloss Neugebäude in Simmering.

Die neue Seestadt Wien in Aspern steht generell für Ganzheitlichkeit in der Stadtentwicklung und wird im Rahmen von Smart City Wien zum Labor für das künftige Stadtleben. Die Forschungsgesellschaft  Aspern Smart City Research   mit Sitz im aspern IQ nutzt die Seestadt als „Living Lab“. Neben Kriterien wie Wirtschaftlichkeit, Ausstattung sowie Gesundheit und Komfort werden auch Bereiche wie Energie und Versorgung sowie Baustoffe und Ressourceneffizienz bewertet. In der ersten Bauetappe entstehen   neben Büro-, Dienstleistungs- und Produktionsgebäuden sowie einem Bildungsquartier auch 2.600 Wohnungen. Zusätzlich zu anderen Qualitätskriterien für den geförderten Wohnbau – wie Leistbarkeit und funktionale Durchmischung – wurde auch hier die Erreichung von ambitionierten Gebäudeenergiestandards in den Ausschreibungen verankert.

Hochaus-Leuchttürme

Mit dem HoHo dem Holzhochhaus Wien entsteht in der Seestadt Aspern ein ganz spezieller Hot Spot. Hier wächst nicht nur ein Business-Standort, sondern es wird ein klares Statement für Innovation, Nachhaltigkeit und moderne Work-Life-Balance gesetzt. Beginnend von den servicierten Co-Working-Spaces und Großraum-Einheiten im Businessbereich über Hotel, Restaurant und Apartments bis hin zum Fitness, Beauty und Wellness-Erlebnis – alle sieben Bereiche finden im puren Raumerlebnis Holz ihren gemeinsamen Nenner. Bis 2018 entstehen auf 24 Ebenen rund 20.000 Quadratmeter Mietflächen in Holz-Hybridbauweise. Im Oktober 2016 erfolgte nach zweijähriger Entwicklung der Startschuss. Investor Günter Kerbler und Caroline Palfy investieren rund 65 Millionen Euro in diese Innovation aus Holz. Entworfen wurde das HoHo Wien vom Architekturbüro RLP.

Das Plus-Energie-Bürohochhaus der TU Wien am Areal des Getreidemarkt ist ein weiteres Renommier-Projekt in Wien, auch wenn es kein Wohn-Objekt ist. Es ist das weltweit erste Bürohochhaus mit dem Anspruch, mehr Energie ins Stromnetz zu speisen, als für Gebäudebetrieb und Nutzung benötigt wird. Die TU Wien hat somit jetzt das größte Plus-Energie-Bürogebäude Österreichs mit der größten fassadenintegrierten Photovoltaikanlage des Landes. Der Stromverbrauch der gesamten technischen Gebäudeausstattung, aller Bürogeräte, Server, Küchen, der Beleuchtung und die Stand-by-Verbräuche werden von der Sonnenstrom-Anlage abgedeckt.

 

Aus NEWS, April 2017

 

 

Das neue Arbeiten ist salonfähig

Mehr als 40 Coworking Spaces gibt es allein in Wien, zwei weitere Mega-Projekte sollen bis Herbst bezugsfertig sein. Innovative Konzepte und Spezialisierungen sind jetzt gefragt.

Wexelerate will nicht weniger als ein Innovation-Hub für die gesamte CEE-Region sein: Speedinvest, i5invest, Blue Minds Factory, Pioneers und andere ziehen in vier Geschosse auf 8000 Quadratmeter. Coworking-Plätze für 100 noch zu findende Startups sind vorgesehen. Die italienische Kette Talent Garden dürfte den Coworking-Markt ebenso aufmischen: Man hat schon 18 Standorte in sechs Ländern, in Wien startet man mit Space für 500 Personen, dazu mit einer Innovation School, einer In-house Academy und mehr.  Partner sind A1, Raiffeisen und die Wirtschaftskammer.

Bei den etablierten Coworking-Spaces gibt man sich gelassen. Vor allem, weil man selbst meist nicht explizit um Startups buhlt. Etwa Michael Pöll, der mit Stefan Leitner-Sidl 2002 die Schraubenfabrik ins Leben gerufen hat. „Eher zufällig, und nicht als Geschäftsmodell haben wir begonnen“, sagt Pöll, „wir hatten uns im Bereich Marketing selbstständig gemacht und ein deutlich größeres Gebäude angemietet, als wir brauchten.“   Coworker waren bald gefunden, mittlerweile werken 50 Menschen in der Schraubenfabrik und noch mehr in ihrem später gegründeten Rochuspark. „Wir wollen ganz normale Unternehmer, solche die nicht den schnellen Exit suchen, entlang der ganzen Wertschöpfungskette“, sagt Pöll, der sich in seiner Rolle als „Hausmeister und Facility Manager“ der Community wohlfühlt.

Auch der Impact Hub Vienna hat einen Trend vorweggenommen – sogar global. „Ein klassischer Coworking-Space im Sinne eines geteilten Büros oder angemieteten Arbeitsplatzes waren wir von Anfang an nicht“, sagt Mitgründer Matthias Reisinger, „die Vernetzung und die inhaltliche Unterstützung der Unternehmer steht im Vordergrund.“ Der Impact Hub war Österreichs erster Incubator und Accelerator  im Bereich Social Business, wurde als solcher vom Magazin Forbes unter die Top 20 Accelerator weltweit gekürt. Der 1200 Quadratmeter große Hub ist globales Headquarter eines bald 100 Mitglieder umspannenden weltweiten Netzes. Man setzt auf heimische und CEE-Startups, Geschäftsideen müssen Social Impact haben, egal ob sie „digital“ oder „analog“ sind: Watchado, Refugees Work,  die Shades Tour oder Helioz reiften im Hub-Labor  ebenso wie Robo Wunderkind.

Boom oder Blase?

„In Deutschland“, sagt Pionier Pöll, funktionierten viele Coworking-Spaces nicht besonders gut, in Wien hingegen die meisten – noch. Pölls Co-Founder Stefan Leitner-Sidl ortet aber eine Blasenbildung, neue kleine Anbieter würden es schwer haben. Die beiden poppten Services wie Foodcoop, Carsharing, und mehr auf ihre Spaces, die Entwicklung gehe auch in Richtung integrativer Gemeinschaftsorte, etwa für Colearning. „Coworking alleine lockt keinen Hund mehr hinter dem Herd hervor, anonymes Flexdesk-Coworking mit Tagesbuchungen sowieso nicht“, so Leitner-Sidl.

Sektor 5  ist ebenso Fixstern in der Wiener Coworking- und Startup-Welt: Anyline oder Austrianstartups wurden dort unter der Führung von Yves Schulz groß, man zählt auf Partner-Spaces in Berlin, Hamburg, Barcelona und Sofia. Der Space selbst, sein Incubator Programm und die Programm-Macherin Flor Drees haben mehrfach internationalen Lorber eingestreift.  Meriten bei einem einschlägigen Wettbewerb erwarb auch auch Loffice, man firmiert in einem Netz mit vier Locations in Budapest.

Die Coworking-Leuchttürme außerhalb Wiens sind vor allem die riesige und vielseitige Tabakfabrik in Linz oder die Werkstätte Wattens. Beide vormalige Industriestandorte mutierten mit Unterstützung der öffentlichen Hand zu Unternehmens- und Kreativzentren. In der Steiermark hingegen fehlen Projekte mit ähnlicher Größe und Strahlkraft. Derweil organisiert sich die Szene selbst: Via coworkinggraz.net sollen sich kleine ebenso wie große Spaces vernetzen. Das Sechserhaus  (20 Plätze  ) oder Spacelend  mit 30 Arbeitsplätzen zählen zu den größten und bieten die ganze Palette an Extras und Infrastruktur für Kreative, Jungunternehmer und Startups aller Art.

Exklusive Lounge statt Wuzzler

Die Philosophie des Coworkens und der geteilten Büroinfrastruktur hat hierzulande aber auch schon jenseits der Welt der Entrepreneure Wurzeln geschlagen: Die Immofinanz setzt mit ihrer internationalen Büromarke myhive auf innovative Office-Konzepte, mit denen auf die Bedürfnisse der Mieter eingegangen wird. myhive-Büros punkten mit zahlreichen Services, bester Infrastruktur und bieten Raum für ein kommunikatives und lebendiges Miteinander. Das reicht vom Concierge über die Business Networking Lounge bis hin zum Angebot von Gütern und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs. In hotelinspiriertem Design tummelt sich eine internationale Community.

Mit myhive soll der Begriff Büro völlig neu definieren werden. Anstatt kühl und unpersönlich zu sein, soll myhive eine freundliche, lebendige Atmosphäre wie in einem Hotel ausstrahlen. Die Immofinanz hat damit gewissermaßen High-End-Coworking-Spaces kreiert und exportiert diese schon in den CEE-Raum: Seit September 2016 wurde das myhive-Konzept bereits auf 15 Bürogebäude in Wien, Budapest, Warschau, Bukarest und Prag ausgerollt. Weitere fünf Immobilien folgen in Kürze.

 

Aus: NEWS Smart City, April 2017